Albertinum feiert 200-jähriges Bestehen - Bildung Voraussetzung für aufrechten Gang

Das Gymnasium Albertinum, das in diesem Jahr auf sein 200-jähriges Bestehen zurückblickt, verdankt seine Gründung ursprünglich der Initiative und dem Engagement eines verdienstvollen Bürgers. Im Gespräch mit der Neuen Presse erläuterte Gymnasiallehrer Rupert Appeltshauser die Besonderheiten der Geschichte einer traditionsreichen Coburger Bildungseinrichtung.

Das Gymnasium Albertinum hat eine wechselvolle Geschichte. Kann man das 200-jährige Bestehen trotz mancher Brüche mit gutem Gewissen feiern oder steht man da auf schwankendem Boden?

Ich kam 1981 als Lehrer an die Schule, als gerade die 175-Jahr-Feier anstand. Man hat ein Bild von Prinz Albert in die Schule gehängt, Chor und Orchester unternahmen eine Konzertreise nach England; sogar die Queen sollte besucht werden. Damals war ich schon ein bisschen skeptisch und dachte mir: Die Coburger finden halt immer einen Anlass zu feiern. Ganz eindeutig war für mich seinerzeit nur die Vorläuferschaft des 1835 gegründeten Ernst-Albert-Seminars.

Heute sehen Sie das anders?

Ja. Inzwischen habe ich mich mit der Schulgeschichte intensiver beschäftigt und stehe zu dem Traditionsstrang, der bis 1806 zurückreicht. Das war ein Schlüsseljahr deutscher Geschichte, ein Jahr des politischen Umbruchs, gewiss auch der Erniedrigung. Zugleich aber begann vor dem Hintergrund der Niederlage gegen Napoleon eine Periode des bürgerlichen Aufbruchs und der Reformen. Die Bürger fingen an, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Es war die Zeit, in der auch Wilhelm von Humboldt sein Konzept eines modernen Erziehungs- und Bildungssystems entwickelte. Man hat damals begriffen: Bildung hat etwas mit Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen zu tun, Bildung ist Voraussetzung für den aufrechten Gang.

Was hat das alles mit der Geburtsstunde des heutigen Albertinums zu tun?

Diese Geburtsstunde war der 11. November 1806. An diesem Tag erteilte die damalige herzogliche Regierung dem Pädagogen Bagge die Erlaubnis, seinem schon seit 1804 als „privilegierte Volksschule“ bestehenden privaten Lehrinstitut eine „Bildungsanstalt für Schullehrer“ anzugliedern. Mit dem verfolgte Bagge unter schwierigsten finanziellen Bedingungen das Ziel, den so genannten Präzeptoren, jungen Menschen, die mit minimalen Vorkenntnissen in den Landschulen unterrichteten, wenigstens einige der wesentlichsten Grundlagen der Bildung und Didaktik zu vermitteln.

Würde in Coburg nach Ehregott Wilhelm Gottlieb Bagge gefragt, wüssten wohl nicht viele, wer das ist. Wer also war er?

Bagge gehört zu den vergessenen Bürgern in Coburg. Dabei hat sich der Mann große Verdienste erworben. Coburg scheint ja oft geneigt, einen Teil seiner Tradition nicht so hoch zu bewerten. Bagge war stark von Pestalozzi beeinflusst und als idealistischer Pädagoge dem Gedanken einer umfassenden, Geist und Gemüt fördernden Bildung verpflichtet. Aus den Lehrplanentwürfen, die aus der Zeit seiner Tätigkeit als Schulleiter in Coburg stammen, wird deutlich, wie sehr Bagge neben der didaktischen Ausbildung der Lehrer die Allgemeinbildung und die musische Bildung am Herzen lag. Deutsch, Geschichte, Religionslehre, Geografie, Mathematik, Naturkunde und Musik sollten die Schwerpunkte des Unterrichts bilden, wozu nach einem 1810 eingereichten Reformplan auch die Fähigkeit gehören sollte, „leichte Stücke auf dem Klavier und der Violine vom Blatt zu spielen, und einige Fähigkeiten auf der Orgel zu besitzen“. In dieser Bildungstradition sehe ich unser Albertinum noch heute. 1822 hat Bagge Coburg verlassen und an einer so genannten Musterschule in Frankfurt am Main eine neue Aufgabe übernommen.

Die Bildungsanstalt hat offenbar auch nach dem Weggang Bagges aus Coburg überlebt.

Erstaunlich genug, ja. 1835 wurde sie neu strukturiert und anlässlich der Konfirmation der Prinzen Albert und Ernst in Ernst-Albert-Seminar umbenannt. Die Einrichtung behielt auch ihre Doppelfunktion als Lehrerseminar und allgemeinbildende Schule. Allerdings waren nun die Unterrichtsinhalte stärker an den staatlichen Interessen ausgerichtet und zielten ab auf eine Erziehung im Sinne der damals als staatstragend erachteten Wertvorstellungen, zu welchen nach der Schulordnung von 1839 z. B. die „sittlich- religiöse Bildung“ oder ein „tugendhafter und gottgefälliger Wandel“ gehörten.

Was änderte sich nach dem Anschluss Coburgs an Bayern im Jahr 1920?

Der Name: Das Ernst-Albert-Seminar wurde bayerische Lehrerbildungsanstalt, allerdings mit gleichen Aufgaben und ähnlicher Organisationsstruktur wie vorher.

Gab es einen Bruch im Dritten Reich?

1935 wurden alle bayerischen Lehrerbildungsanstalten per Ministerialverfügung aufgelöst und in „Deutsche Aufbauschulen“ umgewandelt. Die Deutsche Aufbauschule Coburg wurde mit dem Mädchenlyzeum Alexandrinum zu einer Schule vereinigt. Die Hochschule für Lehrerbildung wurde nach Bayreuth verlegt. Trotzdem gibt es eine gewisse Kontinuität mit den Zielsetzungen der früheren Lehrerbildungsanstalten und der Reformpädagogik in der Weimarer Republik. Der Übertritt nach sechs Volksschuljahren sollte auch Schülern und Schülerinnen, die aus sozialen Gründen oder aufgrund ihrer persönlichen Entwicklung nicht nach der 4. Jahrgangsstufe das Gymnasium besuchen konnten, doch noch die Chance auf einen höheren Bildungsabschluss ermöglichen. Der Gedanke der sozialen Integration wurde zwar von den Nazis im Sinne ihrer völkischen Ideologie umfunktioniert. Der Übertrittsmodus aber blieb bestehen.

Den Namen Albertinum trägt die Schule erst seit 1965. Was war nach dem Zweiten Weltkrieg?

1947 wurde die Aufbauschule in „Oberschule in Kurzform“ umbenannt, eine Lehrerbildungsanstalt angegliedert, das Alexandrinum wieder eigenständig. 1954 wurde die Schule umbenannt in Deutsches Gymnasiums und, weil die musischen Fächer einen Schwerpunkt bildeten, 1964 noch einmal in Musisches Gymnasium. 1955 verliert die Einrichtung ihre alte Doppelfunktion und ist nur noch Gymnasium. Heute hat das Albertinum einen musischen und einen vollgültigen neusprachlichen Zweig. Aber nach wie vor wird die Schule draußen vor allem als musisches Gymnasium wahrgenommen. Insofern sind wir ein wenig Gefangene unserer Schultradition.

Hat die Tradition Bagges und des Humboldt‘schen Bildungsideals noch heute ihre Berechtigung?

Ganz gewiss. Und erst recht mit Blick auf das achtjährige Gymnasium. Heute ist man ja dabei, Schule vollkommen zu funktionalisieren. Lerneffizienz wird angestrebt. Gemeint ist Paukeffizienz. Was Schule bisher ausgemacht hat verkümmert. Sicher: Man lernt fürs Leben, für den Beruf. Aber Bildung im Humboldt‘schen Sinne meint mehr; meint ein Stück Selbstbestimmung, Individualität und Freiheit – sie meint den ganzen Menschen. In diesem Sinne kommt der musisch-literarischen Bildung ein hoher Rang zu.

INTERVIEW: FRIEDRICH RAUER

Zur Person

Rupert Appeltshauser arbeitet am Gymnasium Albertinum seit dem Schuljahr 1980/ 81. Er unterrichtet die Fächer Geschichte, Englisch und Ethik und ist Fachleiter für Geschichte und Englisch.

Neue Presse, 01.07.2006

 

Zurück zur Presseübersicht