Katzbursch und Wasserkneipe

Festrede anlässlich des 80. Stiftungsfestes am 15.04.2000 von

AH Schiller

Dass in der Literatur neben Realismus oder Naturalismus auch die Romantik mit dem Utopischen, dem Phantastischen und Skurrilen ihren Platz zu behaupten versteht, ja, diesen mit Fug und Recht beanspruchen kann, weiß nicht nur der Fachmann. Nur wenn der tragische Held durch das verschrobene Original oder Unikum ergänzt wird, entsteht ein komplettes und kompetentes Bild. Werden dabei die Grenzen der Wirklichkeit gelegentlich überschritten, was macht das schon? Ein Ausflug in das "Reich Fantasien" ist einem jeden Schriftsteller anzuraten, er kann sein künstlerisches Schaffen nur befruchten und das Interesse wie die Neugier des Lesers steigern.

Diese Prinzipien gelten auch dann, wenn sich Literaten, mit dem Thema "Korporationsstudenten" beschäftigen. Es hat sich schließlich zu allen Zeiten gelohnt, die gesamte Bandbreite dieses Gebietes zu durchmessen und bis zu den extremsten Gegenpolen vorzustoßen, ja diese sogar für ein Weilchen völlig zu ignorieren. Die nötige Seriosität kann selbst dann gewahrt bleiben, wenn das Alltäglich-Normale mit höchst Verwunderlichem vermengt wird und sich bis ins gänzlich Unwahrscheinliche vorwagt. Das gilt natürlich auch für den Fall, daSS dabei sonst nichts gewonnen würde, als ein bunter Strauß höchst ergötzlicher Lesefrüchte.

Wenn es einen Poeten gibt, der es in diesem Genre zu absoluter Vollendung gebracht hat, dann ist es der Alt- und Großmeister des Phantastischen, dann ist es E.T.A. Hoffmann (1776 - 1822). Der in Königsberg in Preußen geborene "Allroundkünstler" - wie man heute sagen würde - hatte einen unwiderstehlichen Drang zu romantisch-liebenswerter Skurrilität, der sich in so mancher seiner literarischen Gestalten manifestierte. Eine davon ist "Kater Murr", dessen "Bekenntnissen" unter anderem zu entnehmen ist, daß er zeitweilig herausragendes Mitglied einer "Katzburschenschaft" gewesen und allen damit verbundenen Bräuchen gepflogen hat.

Ehe darauf eingegangen wird, muss freilich das eine oder andere zu E.T.A. Hoffmann gesagt werden. Er hatte in der Taufe die Vornamen Ernst Theodor Wilhelm erhalten, letzteren wechselte er aus Verehrung für das Musikgenie Mozart in "Amadeus" um. Als Hoffmann starb, schloss ein Universalkünstler die Augen, von dem man kaum sagen kann, welche Muse Kuss ihn am meisten beflügelt hat. Die Nachwelt kennt ihn als Dichter ebenso wie als Komponist und Zeichner. Er wirkte ferner als Musikdirektor, Kapellmeister, Regisseur und Bühnenbildner; dazu war er ein überaus fähiger Jurist, der schließlich an das Kammergericht in Berlin berufen wurde. Auf weitere Einzelheiten kann verzichtet werden.

Dafür soll nun auf das eigentliche Thema eingegangen werden, die korporationsstudentische Komponente in dem Roman "Lebensansichten des Kater Murr". Der tierische Held der Geschichte führte lange Zeit das bequeme Leben eines "Philisters", wohl behütet und gut gefüttert von einem liebevollen Herrchen. Und deshalb hatte Murr auch keine Ahnung von dem kühnen und nicht ungefährlichen Dasein eines flotten Burschen. Erst sein Katerfreund Muzius reißt ihn aus diesem Zustand, indem er ihn sozusagen "keilt". Und er tut das - - mit folgender Begründung:

... es gibt auf Erden nichts Langweiligeres und Abgeschmackteres als einen gelehrten Philister ... Ein Katzphilister scheut und vermeidet die leiseste Gefahr ... Überhaupt ist alles Tun und Treiben des Katzphilisters bei jeder Gelegenheit abhängig von tausend und tausend Rücksichten ... Der Katzbursch (hingegen) ist offen, ehrlich, uneigennützig, herzhaft, stets bereit, dem Freunde zu helfen ... Er kennt keine anderen Rücksichten, als die Ehre und redlicher Sinn gebieten ... Der Katzbursch ist durchaus der Antipode des Katzphilisters ...

Diese Belehrungen fallen auf fruchtbaren Boden, Murr sieht ein, dass er in Gefahr ist, ein ganz abscheulicher Philister zu werden und zu bleiben. Und er stimmt zu, als ihm Muzius anbietet, ihn in das wahre Leben einzuführen und zu einem tüchtigen "Katzburschen" zu machen. Die beiden Katerfreunde umhalsen sich zur Bekräftigung dieses Entschlusses. Er soll sobald wie möglich in die Tat umgesetzt werden. Schon zur nächsten Mitternacht könne Murr in das Burschenleben eingeführt werden. Dann nämlich gebe es eine Veranstaltung unter der Leitung des "Katzseniors" namens Puff. Und diese Zusammenkunft verläuft so:

Nachdem ich bis Mitternacht gewartet, stellte sich Freund Muzius ein und führte mich fort ... bis uns zehn stattliche ... Katerjünglinge mit lautem Jubelgeschrei empfingen. Muzius stellte mich den Freunden vor, rühmte meine Eigenschaften, meinen treuen, biederen Sinn ... und schloss damit, dass ich als tüchtiger Katzbursch aufgenommen sein wolle. Alle gaben ihre Zustimmung. Es folgten nun gewisse Feierlichkeiten, die ich indes verschweige, da geneigte Leser ... vielleicht argwöhnen, ich sei in einen verbotenen Orden getreten ... Ich versichere aber auf Gewissen, dass von einem Orden und seinen Bedingnissen, als da sind Statuten, geheime Zeichen usw. durchaus nicht die Rede war, sondern dass der Verein lediglich auf Gleichheit der Gesinnung beruhte ... Nachdem die Feierlichkeiten vorüber, empfing ich von allen den brüderlichen Kuss und Pfotendruck uns sie nannten mich du!

E.T.A. Hoffmann hat in seiner Lebenszeit die Gründung der Deutschen Burschenschaft nach 1815 noch direkt verfolgen können. Er kannte ihre Ziele sozusagen aus eigener Anschauung und wusste, was an Stelle der Orden und 'alten' Landsmannschaften gesetzt werden sollte. Dies wird bei den Aufnahmezeremonien für Kater Murr wenigstens ansatzweise dargestellt, gibt also ein Bild der zeitgenössischen Ereignisse an Deutschlands hohen Schulen. Doch noch weiter in der Geschichte. Natürlich kann auch die Katzburschenschaft an den zwei essentiellen Dingen jeglichen Korporationsbetriebs nicht vorbei; dem Trinken und dem Singen, Dazu ist zu lesen:

Dann setzten wir uns zu einem einfachen, aber fröhlichen Mahl, dem eine wackere Zecherei folgte. Muzius hatte trefflichen Katzpunsch bereitet. - Mit einer Stimme, die weit über viele Dächer hinwegdonnerte, intonierte der Senior das schöne Lied: Gaudeamus igitur! - Mit Wonne fühlte ich mich im Innern und Äußern ganz trefflich 'Juvenis' ... Es wurden noch verschiedene schöne Lieder gesungen ... bis der Senior mit gewichtiger Pfote auf den Tisch schlug und verkündete, daß nun das wahre, echte Weihelied, nämlich das 'Ecce quam bonum' gesungen werden müsse ...

Der Text dieses gewisslich extraordinären Gesangsstücks wird leider nicht verraten. Es ist nur von seinem ehrwürdigen Alter die Rede - nach einer Wittenberger Chronik sei es schon angestimmt worden, als 'Prinz Hamlet noch Fuchs gewesen'. Wie auch immer - der Wortlaut des Cantus bleibt ein Geheimnis. E.T.A. Hoffmann nennt lediglich die von den Teilnehmern der Veranstaltung nach dem allgemeinen Chor intonierten Solo-Verse, allesamt nicht eben tiefgehende Improvisationen. Der neue Katzbursch Murr hört zunächst staunend zu, bis er merkt, daß auch von ihm gleiches verlangt wird. Trotz seiner poetischen Begabung hat er Angst, den Ton nicht zu treffen. Und so passiert dies:

Daher kam es, daß ich, als der Chor geendet, noch schwieg. Schon erhoben einige die Gläser und riefen: pro poena, als ich mich mit aller Gewalt zusammennahm und sofort sang:

Pfot' an Pfot' und Brust an Brust,
Soll uns nichts verdüstern,

Katzbursch sein ist unsre Lust,

Trotzen Katzphilistern!

Meine Variation fand den lautesten, unerhörtesten Beifall. Die hochherzigen Jungen stürmten jubelnd auf mich ein, umpfoteten mich, drückten mich an ihre klopfende Brust ... Es war einer der schönsten Augenblicke meines Lebens!

Natürlich musste dies entsprechend begossen werden und ebenso natürlich hatte Kater Murr am nächsten Morgen einen ausgewachsenen Kater. Sein Freund und Bundesbruder Muzius tröstete ihn jedoch mit der Bemerkung, dies sei lediglich der Übergang von philistriger Knabenschaft zum würdigen Burschentum und passiere jedem, der das Kommersieren nicht gewohnt. Dann riet er dazu, "Haare aufzulegen", was bedeutete, Murr wurden zwei, drei Schnäpschen eingeflößt. Das half und so ging das frische und freie Burschenleben weiter, das manches Vergnügen brachte, aber auch Verpflichtungen auferlegte und nicht ohne Risiko war.

Letzeres zeigte sich eines Abends, als Murr zu einer Kneiperei unterwegs war, welche die Burschen angeordnet hatten. Dabei traf er auf einen Rivalen, der ihm noch während seines Philisterdaseins ein reizendes Kätzchen ausgespannt hatte. Und natürlich kam es zu einem Zusammenstoß mit vorerst verbalen Auseinandersetzungen. Man schlich mit zornigem "Mau - Mau" umeinander herum und schließlich berührten sich die Schweife der beiden Nebenbuhler. Das aber hatte Muzius beobachtet, der ein in der Wolle gefärbter Katzbursch war und nun aufgebracht, aber voll innerer Befriedigung feststellte: Das war Tusch! Und sofort kündigte er an, er werde den frechen Kerl koramieren. Und das geschah so:

Muzius begab sich am nächsten Morgen zu ihm hin und fragte in meinem Namen, ob er meinen Schweif berührt. Er ließ mir erwidern, er hätte meinen Schweif berührt. Darauf ich: Habe er meinen Schweif berührt, so müsse ich das für Tusch nehmen. Darauf er: ich könne es nehmen, wie ich wolle. Darauf ich: ich nehme es für Tusch. Darauf er: ich sei gar nicht imstande, zu beurteilen, was Tusch sei. Darauf ich: ich wisse das sehr gut und besser als er. Darauf er: ich sei nicht der Mann dafür, dass er mich tuschieren solle. Darauf ich nochmals: ich nähme es aber für Tusch. Darauf er: ich sei ein dummer Junge. Darauf ich, wenn ich ein dummer Junge sei, so sei er ein niederträchtiger Spitz! - Dann kam die Ausforderung.

Es ist nicht zu übersehen, die Katzburschen beherrschten die Rituale des "Ramschens" ebenso gut und vollkommen wie jeder "menschliche " Korporierte es je gekonnt hat. Freilich, Murr fuhr im Nachhinein die Geschichte doch etwas in die Glieder. Es war ja schließlich das allererste Duell, das er austragen sollte; auch wenn dies nach Regel und Recht erfolgen würde. Kater Muzius redete deshalb seinem Bundesbruder gut zu und forderte ihn auf, Furcht und Scheu fallen zu lassen und ein tapferes Herz zu bewahren. Dann setzte er sogar noch eins drauf: Er verlangte ein "Überstürzen" der Forderung, wie es auch im studentischen Fechtcomment möglich war. Muzius tat das mit diesen Worten:

Doch halt! - Eben will mich bedünken, dass der Zweikampf auf den Kratz keinen genügenden Ausschlag geben kann, dass ihr euch vielmehr auf entscheidendere Weise, nämlich auf den Biss, schlagen müsst . Wir wollen die Meinung der Burschen hören! - Muzius trug den Fall der Burschenversammlung vor. Alle stimmten bei und ich ließ daher den Bunten durch Muzius wissen, ich nehme die Ausforderung zwar an, könnte und würde bei der Schwere der Beschimpfung mich aber nicht anders schlagen als auf den Biss ...

Mit dem "Bunten" ist natürlich der präsumptive Kontrapaukant von Kater Murr gemeint. Und der sieht sich nun nicht nur einer "Mensur auf leichte Schläger" gegenüber, sondern einem "Duell auf schwere Säbel". So etwa wäre nach der Terminologie fechtender Korporationen der Unterschied zwischen einem Zweikampf "auf Kratz" und einem solchen "auf Biss" zu definieren. Und auf eben diese Art wird die Kontrahage mit dem "Bunten" dann auch ausgetragen. Die Sekundanten wurden bestimmt, ein Paukarzt war vorhanden und die Regeln wurden noch einmal verlesen. Die aber lauteten wie folgt:

Es wurde verabredet, dass der Zweikampf in drei Sprüngen stattfinden und, falls bei dem dritten Sprunge noch nichts Entscheidendes geschehen, weiter beschlossen werden sollte, ob das Duell in neuen Sprüngen fortzusetzen oder als abgemacht anzusehen. Die Sekundanten maßen die Schritte aus und wir setzten uns gegenüber in Positur. Der Sitte gemäß erhoben die Sekundanten ein Zetergeschrei, und wir sprangen aufeinander los.

Nachdem also alle Vorbereitungen gemäß dem Comment für derartige "Paukereien" abgeschlossen waren, konnte die eigentliche Partie beginnen. Und sie nahm für Kater Murr zunächst keinen günstigen Verlauf. Beim ersten Gang verbiss sich der Bunte in das Ohr seines Gegners, so dass dieser laut aufschrie. Die Kontrahenten wurden getrennt und der zweite Sprung oder Gang folgte augenblicklich. Diesmal erwischte es Murr an der linken Pfote, so dass sein Blut in dicken Tropfen herausquoll. Es roch bedenklich nach einer vorzeitigen Schmissabfuhr. Das weitere Geschehen, wie es der Autor aus der Sicht seines literarischen Helden schildert:

Eigentlich, sagte der Sekundant meines Gegners, sich zu mir wendend, eigentlich sei nun die Sache ausgemacht, da Sie, mein Bester, durch die bedeutende Wunde an der Pfote hors de combat gesetzt sind. Doch Zorn, tieter Ingrim ließen mich keinen Schmerz fühlen, und ich entgegnete, dass es sich bei dem dritten Sprunge finden würde, inwiefern es mir an Kraft gebräche ... Nun, sagte der Sekundant mit höhnischem Lachen, nun, wenn Sie durchaus von der Pfote Ihres Ihnen überlegenen Gegners fallen wollen, so geschehe Ihr Wille!

Im Grund ist Kater Murr tatsächlich 'hors de combat', also kampfunfähig. Aber er mag sich nicht geschlagen bekennen, zumal ihn der Spott des Herrn Gegensekundanten weiter anstachelt. Zuspruch erfährt er natürlich von seinem Freund und Helfer Muzius, der ihm anerkennend auf die Schulter klopft und "brav, brav" ruft. Ein echter Bursche achte auf einen solchen Riss überhaupt nicht, sondern halte sich weiter tapfer. Nach diesen aufmunternden Worten wurde die Mensur fortgesetzt. Zum dritten Mal erschollen die Kommandos der Sekundanten und es geschah dies:

Meiner Wut ungeachtet hatte ich die List meines Gegners gemerkt, der immer etwas seitwärts sprang, so dass ich ihn fehlte ... Diesmal nahm ich mich in acht .... und als er mich zu fassen glaubte, hatte ich ihn schon dermaßen in den Hals gebissen, dass er nicht schreien, nur stöhnen konnte. Auseinander! rief jetzt der Sekundant meines Gegners. Ich sprang sogleich zurück, der Bunte sank aber ohnmächtig nieder, indem das Blut reichlich aus der Wunde hervorquoll.

Damit ist die Partie natürlich zu Ende, der Gegner "abgestochen" und der Paukarzt tritt in Aktion. Währenddessen wurde der gute Murr entsprechend gefeiert. Freund Muzius drückte ihn feurig an die Brust und überhäufte ihn mit Lob: Er habe eine Ehrensache ausgefochten wie ein Kater mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Deshalb könne er erhoben werden zur Krone des Burschentums und er werde auch fürderhin keinen Makel auf seinem Schilde dulden. Ganz war die Sache freilich noch nicht vorbei, wie so oft in solchen Fällen hing eine Sekundanten-Kontrahage in der Luft, denn:

Der Sekundant meines Gegners trat nun trotzig auf und behauptete, dass ich im dritten Gange gegen den Comment gefochten. Da setzte sich aber Bruder Muzius in Positur und erklärte mit funkelnden Augen ... dass der, der solches behaupte, es mit ihm zu tun habe, und dass die Sache gleich auf der Stelle ausgemacht werden könne. Der Sekundant hielt es für geraten, nichts weiter darauf zu erwidern, sondern packte stillschweigend den wunden Freund ... und marschierte mit ihm ab.

Der glorreiche Sieger aber ließ sich pflegen und dann feiern. Schon bald war er zu einer solennen Burschenkneipe imstande. Seine Bundesbrüder empfingen ihn mit unbeschreiblichem Jubel, allen war er doppelt lieb geworden. Von da an führte Kater Murr ein köstliches Burschenleben und übersah gerne, dass er dabei die besten Haare aus seinem Pelz verlor. So jedenfalls lauteten seine, ihm von E.T.A. Hoffmann ins Maul gelegten Worte, mit denen die korporationsstudentische Episode seines Lebens abgeschlossen und beendet wurde.

*****

Skurrile Einfälle bei der Beschreibung von Szenen aus dem Leben der Studentenverbindungen sind auch in den Werken anderer Literaten zu finden. Allerdings sind Vergleiche - etwa hinsichtlich der Qualität - stets misslich, besonders wenn man das von dichterischer Meisterschaft geprägte Format eines E.T.A. Hoffmann als Maßstab nimmt. Abstriche scheinen dann unumgänglich, sind jedoch hinnehmbar. Es ist keineswegs verwerflich, auf Autoren zurückzugreifen, die in lediglich gefälliger Weise einen auf phantastische oder kuriose Begebenheiten basierenden Stoff darzubieten vermögen.

Unter diesen Voraussetzungen darf hier ein Schriftsteller angeführt werden, dessen Erzählprosa vor allem in der Zeit von 1950 bis 1970 zur Wirkung kam und überwiegend vergnügtes Schmunzeln bezweckte und auch hervorrief. Seine Stärke lag jedenfalls im humorvollen Feuilleton und in der Kurzgeschichte, die sich nicht selten in das Gebiet der Situationskomik vorwagte. Die Rede ist von dem Schwaben Thaddäus Troll (1914-1980). Dabei handelt es sich um ein Pseudonym, der in Stuttgart geborene Autor hieß eigentlich Hans Bayer.

Bekannt geworden ist Thaddäus Troll unter anderem durch das satirisch angehauchte Buch "Deutschland - deine Schwaben". Ein etwas umfangreicheres Werk ist ferner die witzige, romanhafte Erzählung "Sehnsucht nach Nebudistan", das in einer Neuauflage den Titel erhielt: "Hilfe, die Verwandten kommen". Darin enthalten ist auch die Persiflage einer Studentenkneipe. Zur Einführung in die Handlung nur soviel: Ein pensionierter Akademiker mit Namen Ben Knesl geht auf Besuchsreise zu seinen mit völlig unterschiedlichen Charakteren verheirateten vier Töchtern. Einer der Schwiegersöhne lebt als "Dichter" und gleichzeitig strenger Sittenrichter in einer Kleinstadt in der Schweiz. Unter anderem schwört er auf völlige Enthaltsamkeit, ist ein strenger Gegner jeglichen "Alkoholmissbrauches".

Ausgerechnet dieser "Stadtmissionar", Joab geheißen, veranstaltet das, was er als Kneipe ansieht. Unter den Gästen ist übrigens auch ein Kata Kiri, Minister des "pazifischen Königreichs Nebudistan". Er hat den Auftrag, den guten Ben Knesl als Berater für seine Regierung zu verpflichten. Dieser hatte voreinst nämlich eine Grammatik für die "nebudistanische Knotenschrift" verfasst. Damit sind die Hauptakteure vorgestellt, weitere Teilnehmer werden sich noch herauskristallisieren.

Sie saßen alle an der hufeisenförmigen Tafel, Joab hatte natürlich das Präsidium inne, zum Zeichen dessen schwang er den Holzhammer, mit dem sonst seine Frau in der Küche die Koteletts zu klopfen pflegte. Es gab auch einen Fuchsmajor und die Corona bildeten die weiteren Mitglieder des "Vereins gegen den Missbrauch", blasse und freundliche Wesen. Das Gegenpräsidium hatte Major Bauz, er gehörte zu den interessanteren Persönlichkeiten des Schweizer Städtchens Schasswil, in dem die Geschichte spielte. Und die Kneipe begann so:

Joab schlug dreimal mit dem Holzhammer auf den Tisch, auf dem noch keine Gläser standen. "Silentium", gebot der Präsident. "Ich eröffne die Kneipe im Hause Mäßigkeit. Auch wir, liebe Freunde, die wir auf dem rechten Wege sind, verspüren Lebenslust und Lebensfreude. Um dies zu beweisen, veranstalten wir den heutigen Abend. Auch wir können wie die Studenten jung und ausgelassen sein. Aber bevor wir zu den Kalebassen greifen, bevor wir die Humpen kreisen lassen, wollen wir ein Lied singen." Joab verteilte den Text, und Major Bauz setzte sich ans Klavier ... Joab stimmte zu Bens Verblüffung an: "Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun, drum Brüderchen, ergo bibamus!"

Bis auf den nur selten üblichen Holzhammer bietet sich das Bild einer echten Studentenkneipe mit allem drum und dran. Selbst eine Bierorgel ist vorhanden und der zum Auftakt gewählte Goethe-Cantus deutet darauf hin, dass eine fröhliche Pokuliererei bevorsteht. Diese Einschätzung erweist sich jedoch als vollkommen irrig, denn kaum war das schöne Lied verklungen, schlug der Präsidierende erneut auf den Tisch und gebot abermals "Silentium". Und in der darauffolgenden Ansprache ließ Joab endlich die Katze aus dem Sack und zwar auf diese Weise:

"Meine lieben Freunde", so sprach er mit seiner hohen Stimme, die Ben an das Quietschen einer Straßenbahn erinnerte, "bevor man uns die Gläser kredenzt, lassen Sie mich ein paar Worte zum Sinn dieser Kneipe sagen, die hier vom Bund gegen den Missbrauch veranstaltet wird. Wir wollen heute beweisen, dass man auch ohne aufputschende und seelisch zerstörende Gifte fröhlich sein kann. Wir wollen trinken - aber nicht jenes braune Gesöff, das aus verfaultem Getreide bereitet wird und von dem schon der Lateiner sagt, dass an ihm Hopfen und Malz verloren sei. Wir wollen das edelste, klarste und schönste Getränk zu uns nehmen, das der Menschheit geschenkt wurde. Unser Trank sei Wasser! Füchse, Stoff!"

Welch ein Sakrileg für jeden honorigen Korporationsstudenten! Eine Wasserkneipe - nicht auszudenken! Tatsächlich wurden Henkelgläser aufgetragen, die ein solch fatales Getränk enthielten. Einer aus der Corona deklamierte zudem ein langes Gedicht, das mit den Worten begann: "Ehret das Wasser." Doch dieses taten längst nicht alle der Anwesenden. Unter ihnen war etwa Kata Kiri, der Minister aus Nebudistan. Er hatte keine Silbe der Ansprache verstanden und starrte ratlos auf das vor ihm stehende Glas. Es kam ihm zu groß vor, denn er vermutete, der Inhalt bestehe aus Gin. Noch empörter war Ben Knesl, der sofort ums Wort bat und sich auch nicht abweisen ließ, als ihn sein Schwiegersohn Joab "in die Kanne" schicken wollte.

"Meine Herren", so begann er, "ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie mich zu Ihrer originellen und bedeutungsvollen Veranstaltung eingeladen haben. Ich bleibe auch gern in Ihrem Kreise, bitte Sie aber herzlich, mich aus hygienischen Gründen vom Trinkzwang zu befreien. Ich habe nämlich einmal einen Tropfen Wasser unterm Mikroskop gesehen. Ich möchte Ihnen nicht die Lust am Zechen nehmen und kann Ihnen nur sagen: der Anblick war grauenhaft! Das Trinkwasser wimmelte nämlich von Bakterien, die unter dem Mikroskop die Größe von Schlangen, Drachen, Würmern und Polypen haben. Auch ich schätze das Wasser sehr und möchte es nicht missen, aber nur für den äußerlichen Gebrauch."

Zwar rief Major Bauz vom Klaviersessel aus ein "Sehr richtig" in den Saal. Doch Präsident Joab blieb unerbittlich und bot als Kompromiss lediglich "gekochtes Zuckerwasser" an. Ben Knesl schüttelte sich vor Abscheu und führte nun Exzellenz Kata Kiri ins Gefecht. Dem - so argumentierte er - verbiete seine Religion striktissime jegliches Wassertrinken. Und dann beantragte er, man möge dem Herrn Minister und ihm ausnahmsweise gestatten, statt des edlen Wassers gemeinen Wein zu sich nehmen zu dürfen. An den Kneiptischen brach ein Sturm der Entrüstung los. Joab, der die Veranstaltung in würdigem Rahmen halten wollte, genehmigte den beiden Gästen schließlich Apfelsaft und:

Der Kompromiß wurde angenommen, und die Kneipe ging weiter. Man sang das Lied von des Rosenwirts Töchterlein, die am Grabentor wohnt. Jeden Abend um halb acht drehe sie den Wasserhahn auf - "hei, wie da das Herz des Zechermannes lacht!" Das Lied hatte ursprünglich einen anderen Text, aber Bruder Weinwurm hatte aus ihm das Bierfass entfernt und es für den Bund gegen den Missbrauch in einen Wasserleitung umgewandelt. Major Bauz saß am Klavier und spielte dazu eine Paraphrase über Melodien von Puccini.

Dass beim originären "Rosenwirt am Grabentor" das Fass bereits um "halber sechs" angestochen wird und nicht erst zwei Stunden später, sollte man Thaddäus Troll nicht ankreiden. Nicht so aber Bruder Weinwurm, einem offensichtlich besonders eifrigen Mäßigkeitsapostel die schnöde Eliminierung der Gerstensaftquelle aus dem alten Studenten- und Trinklied. Doch diese Anmerkungen nur nebenbei, denn zur großen Verwunderung aller sollte der Präside Joab Recht behalten, weil:

Die Bündler wurden auch ohne Genussgifte fröhlich. Sie ließen den Humpen kreisen, tranken sich gegenseitig zu und ließen die Lieder erklingen. Das Wasser gluckerte in ihren Bäuchen, und Bruder Weinwurm hatte schon einen kleinen Schwips. Sie ließen die Freundschaft und das Vaterland hochleben und versicherten, dass der Gott, der Eisen wachsen ließ, keine Knechte wollte. Major Bauz untermalte das vaterländische Lied auf dem Klavier mit Kanonendonner und Schlachtenlärm. Schon am frühen Abend war die Gesellschaft so animiert, dass Joab es für richtig hielt, die Kneipe bald zu schließen, weil der Lärm, der aus dem Haus Mäßigkeit erscholl, den Passanten Grund zu falschen Vermutungen geben konnte.

Während also alles in Fröhlichkeit schwelgte und den Trubel genoss waren Ben Knesl und Kata Kiri nüchtern wie selten zuvor. Denn selbst von dem so großzügig bewilligten Apfelsaft mochten sie nur aus Höflichkeit gegenüber der Kneiptafel ab und an ein wenig zu nippen.

Als dann das Ende kam, konnte Ben nicht anders. Er nahm die Exzellenz aus Nebudistan unter den Arm und fort ging es, schnurstracks zum Gasthof "Winkelried", wo Getränke ausgeschenkt wurden, mit denen man Buße für die Teilnahme an der dubiosen "Wasserschlacht" tun konnte. Ben Knesl ließ einen halbe Liter Cote du Rhone kommen und goß Kata Kiri und sich selbst die Gläser hastig voll. Aufatmend tranken sich die beiden zu. Was aber war mit den anderen Teilnehmern an der Veranstaltung? Auch dies soll hier in der gebotenen Kürze mitgeteilt werden:

Die Folgen der Wasserkneipe waren für die meisten der beteiligten Zecher unerfreulich. Viele lagen mit Magenschmerzen oder Nierenkoliken zu Bett. Andere hatten Kopfschmerzen, als ob sie literweise geistige Getränke zu sich genommen hätten. Die meisten Angehörigen des Vereins gegen den Missbrauch litten unter einem solchen Wasserkater, dass sie die nächsten Tage arbeitsunfähig waren ...

Man sollte, und das hat sich in der Erzählung "Hilfe, die Verwandten kommen" wieder einmal deutlich gezeigt, der Devise von Ben Knesl folgen und Wasser lediglich für den äußerlichen Gebrauch vorsehen. Verwendete man es hingegen zum Trinken auf einer Kneipe, stellte sich unweigerlich - und das wusste der gewiss sein "Viertele" gewohnte Schwabe Thaddäus Troll wohl aus eigener Erfahrung - das von ihm geschilderte gesundheitliche Chaos ein. Dem wird jeder Korporationsstudent aus vollem Herzen zustimmen, zumal es noch wesentlich dicker kommt, wie beispielsweise Frau Bauz von ihrem lieben Mann, dem Major, zu berichten wusste:

"Das viele Wasser hat ihn völlig betrunken gemacht ... Als er zu seinem Auto ging, ist er hingefallen und auf seine eigene Hand getreten ... Das Wasser brachte seinen holprigen Kreislauf noch mehr aus dem Rhythmus. In dem Augenblick, als vor ihm ein Lastwagen fuhr, schlief sein Fuß auf dem Gaspedal ein. Der Schaden ist sehr beträchtlich, obwohl bei Bauz nur der Kopf verletzt wurde ... Die Polizei machte eine Blutprobe, die aber negativ ausfiel. Früher ist ihm so etwas nie passiert ...".

Während also Ben Knesl und Kata Kiri ruhig und friedlich und wohl behütet im "Winkelried" zu Schasswil bei ihrem Wein saßen, hatten die Wassertrinker mit einer Menge der übelsten Folgen ihrer Mäßigkeitssucht zu kämpfen. Dem darüber äußerst bestürzten Vereinsvorsitzenden und Präsiden Joab wurde nämlich des weiteren berichtet, dass einige seiner Schäfchen und Streiter wieder den Missbrauch auf ihrem Nachhauseweg heftig randaliert und groben Unfug getrieben hätten, sehr zur Verwunderung der Schweizer Spießbürger, die sich nicht wenig das Maul darüber zerrissen. Ob es später einmal zur Wiederholung einer derartigen Kneipe gekommen ist, darf füglich bezweifelt werden.

Im abschließenden Resümee kann wohl gesagt werden, diese "Wasserorgie" ist eine überaus gelungene Persiflage und kurios genug, um zum Schmunzeln anzuregen. Und das gilt in ganz anderer und doch wieder fast gleicher Weise auch für den "Katzbursch Murr", den E.T.A. Hoffmann beschrieben hat. Insofern konnte beides zusammengespannt werden, ohne den großen Phantasten der deutschen Romantik literarisch herabstufen zu wollen. Er hat eine Nuance des Korporationslebens amüsant verfremdet - eben dies hat Thaddäus Troll getan, auf ganz anderem Niveau freilich und mit unterschiedlichen Inhalten, doch ebenso imstande, dem Leser ein Lächeln zu entlocken, vielleicht sogar ein herzliches Lachen. Und wer dies erreicht, ist auch literarisch nicht weit von seinem Ziel entfernt.

 

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