Der Freiheitskampf des Andreas Hofer

Festrede anlässlich des 82. Stiftungsfestes am 27.04.2002 von

AH Quantum

Hohes Haus, Sehr verehrte Damen, meine Herren!

Als ich vor einigen Wochen von unserem hohen Senior angerufen wurde mit der Bitte die heutige Festrede zu halten war ich in etwa ähnlich begeistert, wie Sie es nun höchstwahrscheinlich sind sich wieder eine dieser nicht enden wollenden  Reden anhören zu müssen.

In Gesprächen mit Bundesbrüdern, bei denen ich mich erkundigte, welches Thema diesem Rahmen wohl angemessen sei, wurde mir dargelegt, dass es schön wäre, wenn ich ein geschichtliches Thema aufgreifen würde. Am besten wäre wohl ein Vortrag über die Geschichte Coburgs.

Allerdings möchte ich nicht Gefahr laufen Ihnen ein Thema vorzutragen, bei dem Sie, verehrte Corona, mir wohl mehr erklären können als ich Ihnen.

Zumindest aber der Bitte um ein geschichtliches Thema komme ich hier gerne nach und möchte diese Gelegenheit nutzen Ihnen den aufopferungsvollen Freiheitskampf und die vorbildliche Vaterlandsliebe des Andreas Hofer ein wenig näher zu bringen.

Durch den Pressburger Frieden 1808 war Tirol an Bayern gefallen und nach der Meinung und Hoffnung der Tiroler sollte bei ihnen alles beim alten bleiben, so wie es von je her gewesen war. Aber sehr bald folgte eine Änderung der anderen. Am 01.Mai trat die tirolische Landsmannschaft als Vertreterin der Landesangelegenheiten außer Tätigkeit, allerdings mit dem Versprechen des Königs Max, dass in Kürze allgemeine Reichsstände gegründet werden sollten. Der Name Tirol verschwand aus der Amtssprache. Das Land war in den Inn-, Eisack- und Etschkreis eingeteilt. Fromme Stiftungen und das Vermögen der Gemeinden gingen in unmittelbare Obhut der Regierung über; die Militärkonscription, von der Tirol bisher verschont gewesen war, wurde eingeführt und erregte überall Groll und Grimm. Viele der mit Gewalt ausgehobenen Jünglinge verließen eigenmächtig die Fahne. Den größten Unwillen erregten aber, besonders im Etschtal, die kirchlichen Reformen. Die Macht der Bischöfe über die Geistlichen sollte gebrochen werden; darum wurden diese von der Regierung in ihre Pfarrstellen eingesetzt; aber viele der so angestellten Priester fanden bei den Bauern weder Anerkennung noch Gehorsam und ihre Predigten und Messen blieben ohne Zuhörer. Die tirolischen Abteien, fünf an der Zahl, wurden aufgehoben. Das Wetterläuten, vom Tiroler Bauer hochgewertet, die nächtliche Weihnachtsfeier, die Einhaltung der in Bayern abgeschafften Feiertage wurden bei Geldstrafe verboten. Nebenandachten, Prozessionen, Weihungen, das Läuten zu gewissen Zwecken sollten nach einer neuen Kirchenordnung umgestaltet werden. Da erhoben Eiferer ihre Stimmen und schrieen, man wolle die Religion ausrotten, die Priester unterdrücken, die Kirchen berauben und die Altäre zertrümmern. Überall war dumpfe Gärung und zornige Sehnsucht nach der alten Zeit unter Habsburger Zepter.

In jenen Tage trat Andreas Hofer, der Gastwirt am Sand im Passeiertal, als Führer seine Volkes hervor. Er gehörte nicht zu den heißblütigen Eiferern, sondern wusste Maß zu halten, hoffte er doch gerade dadurch das verhasste Joch der bayrischen Herrschaft am ehesten Abschütteln zu können. Den ihm Begegnenden rief er oft mit Rührung zu: „Wir müssen beten, die Gefahr für den Glauben ist groß! Oh Brüder lasst uns beten, im Verein alle miteinander, aus allen Kräften. Dieser Zustand kann nicht dauern; bei Gott ist alles möglich, wir können mit seiner Hilfe eine bessere Regierung bekommen!“

Und die Stunde der Befreiung schien zu nahen. Österreich war durch den Pressburger Frieden zu tief gedemütigt worden; es musste alle Kräfte anstrengen um seine Ehre zurückzugewinnen. Erzherzog Karl übte das Heer für den neuen Krieg und berechnete, dass er eine halbe Million Mann ins Felde führen könne; die Kaiserin Maria Ludowiga und alle tüchtigen Diplomaten drängten zum Krieg, hoffte man doch, dass auch in Italien und Norddeutschland der Aufstand losbrechen werde und dass Preußen und Russland mit Österreich im Bündnis gegen Napoleon kämpfen würden.

In dem kommenden Kriege aber war Tirol die Operationsbasis für Osterreichs Heere im Kampfe, wollte Napoleon von Westen her durch Bayern, von Süden her durch Italien heranziehen. Daher rechnete man in Wien auf die alte Zuneigung Tirols, und der von den Tirolern besonders geliebte Erzherzog Johann arbeitete den Plan aus, nach dem der Aufstand der Tiroler geschehen sollte.

Da empfing am 22. Dezember 1808 Franz Anton Nessing in Bozen ein Schreiben aus Wien vom Büchsenmacher des Kaisers, Anton Steger, einem Tiroler Kind, in dem gemeldet wurde, dass der Ausbruch des Krieges bevorstehe. Im Januar 1809 reisten Andreas Hofer, Anton Nessing und Peter Gruber, der Gastwirt zu Bruneck, nach Wien, sich Gewissheit zu verschaffen und die nötigen Verabredungen zu treffen. Mit den Plänen des Erzherzogs Johann vertraut, kehrten die drei Männer jeder einzeln auf verschwiegenen Wegen in die Heimat zurück, überallhin die frohe Botschaft zu verkünden: „Wohlan man wird uns helfen! Lasset das Volk sich fürder rüsten und harrt des verabredeten Zeichens!“ Und nun begannen überall die Vorbereitungen zum Kampfe. In stillen, versteckt liegenden Orten des Gebirges wurden Waffen und Munitionsvorräte aufgehäuft; Schmiede, die man ins Vertrauen gezogen hatte, arbeiteten in verborgenen Werkstätten an Sensen Hellebarden und Morgensternen, oder sie bohrten hölzerne Kanonen aus Baumstämmen und beschlugen sie mit eisernen Reifen.

In einschichtigen Höfen und abgelegenen Wirtshäusern sammelte Andreas Hofer die Bauern um sich und hielt mit ihnen Kriegsrat, und sein getreuer Freund, der Kapuziner Joachim Hapfinger entfachte in den Bauern durch glutvolle Reden das Feuer der Begeisterung für den heiligen Freiheitskrieg.

Am 01. April 1809 war das Gerücht von dem nahen Ausbruch des Krieges in Tirol immer stärker und die bayerische Regierung ahnte nichts von der ungeheueren Wucht und Kraft des Volksaufstandes der nun losbrechen sollte. Am 06. April gab Erzherzog Karl seiner Armee den Befehl zum Kampf, und Laufzettel des Erzherzog Johann, von den flinken Burschen und Dirnen getragen, meldeten den Gemeinden: „Es ist Zeit!“

Jetzt versammelte auch Andreas Hofer die Passeirer um sich und vor seinem Wirtshaus rief er ihnen schlicht und groß zu: „Morgen am 09. April wird für Gott, Kaiser und Vaterland ausgezogen und jedermann ermahnt brav dreinzuschlagen!“

So scharten sich um ihn, nachdem sie gebeichtet und das Abendmahl genommen, 4500 Mann, alle erprobte, zielsichere Schützen.

Auf der Brücke von St. Leonhard fragte ein Passeirer den Sandwirt, ob er auch mitgehen müsse. „Nein“ gab der Hofer zur Antwort „wer halt just will“. „Ja, dann ist´s recht“, fiel der Passeirer ein, „dann gehe ich auch mit“. Damit war, wie Beda Weber ein Biograph Andreas Hofers sagte, Hofers Macht über seine Landsleute deutlich gekennzeichnet. Er befahl nicht, sondern legte den freien Willen jedes einzelnen seiner Anwerbung zu Grunde. Und gerade dadurch war er stark.

Schon am 11. April erfocht er auf dem Sterzinger Moor einen Sieg über die Bayern. Unterdessen sammelte sich die Volkskraft um Innsbruck zum entscheidenden Schlage; am 12. April besetzten die Bauern Innsbruck und am 13. streckte General Bisson mit 4000 Mann die Waffen.

Tirol war frei.

Doch nur kurze Zeit; denn Napoleon drängte die Österreichischen Heere die Donau abwärts und rückte schon am 13. Mai in Wien ein; die Generale Wrede und Deroi besiegten die Österreicher bei Wörgl am Inn und eroberten Innsbruck wieder zurück.

Jetzt trat Andreas Hofer, mittlerweile durch Erzherzog Johann zum Oberkommandanten von Tirol ernannt, im Namen des Kaisers hervor. Mit Schützenkompanien zu 6000 Mann, 800 Mann Militär, 4 Dreipfündern und 2 Sechspfündern zog er gegen Innsbruck, vereinigte sich bei Patsch mit Joseph Speckbacher und seinem Landsturm und besiegte Deroi am 29. Mai auf dem Iselberge bei Innsbruck.

Tirol war wieder frei und Andreas Hofer gelobte auf dem Schlachtfelde mit seinen Landsleuten dem Vaterlande Treue bis in den Tod.

Er traf Anordnungen die Landesgrenze zu schützen und dauernd zu behaupten, waren doch unterdessen vom großen Kriegsschauplatz an der Donau günstige Nachrichten eingetroffen. Erzherzog Karl hatte Napoleon am 21. und 22. Mai bei Aspern besiegt; der Unüberwindliche war nun doch einmal überwunden und frohe Hoffnung auf künftige Siege belebte jede Brust.

Wie Theodor Körner, so glaubte ein jeder: „Der Adler siegt, die Fahne fliegt. Heil Dir mein Volk! Du hast gesiegt!“

Doch die Freude war verfrüht. Leider nutzte Erzherzog Karl seinen Sieg nicht aus und blieb sechs Wochen untätig an der Donau stehen; Napoleon aber zog von überall Verstärkungen heran und daher gelang es ihm Karl am 06. Juli bei Wagram zu schlagen. Er schloss am 12. Juli den Waffenstillstand zu Znaim und bewilligte am 14. Oktober den Frieden zu Schönbrunn. Zwischen Znaim und Schönbrunn lag Hofers größte Heldentat, dem Frieden folgte sein Untergang. Napoleon sandte ein ganzes Armeekorps, 50.000 Mann stark, unter dem Befehl des Marschalls Lefevre nach Tirol; Andreas Hofer empfing die Nachricht von dem Waffenstillstand durch einen von ihm an Erzherzog Johann gesandten Freund. Er beschloss ihn einzuhalten, sofern es die Feinde auch täten, d.h. nach seiner Auffassung, dass die Österreicher aus dem Lande zwar abziehen, die Franzosen und die Bayern aber nicht einrücken sollten. Als er aber erfuhr, dass der Feind überall vordringe, da rief er seine Landsgenossen von neuem zur Abwehr: „Setzet Euer ganzes Vertrauen auf Gott! Wir haben ja schon Dinge zum Erstaunen des Auslands getan, nicht durch Menschenhilfe, sondern durch die unverkennbare Macht von oben. Halb getan ist nichts getan. Wohldenkende Brüder und Nachbarn! Stehet auf, ergreift die Waffen wider den allgemeinen Feind des Himmels und der Erde. Keiner bleibe vom Kampfe weg! Das einzige, das letzte Los von uns allen sei: Für Gott und den Kaiser Franz entweder siegen oder sterben!“

Mehr als die treue Stimme Hofers vermochte, wirkte die Blutgier der Feinde. Sie raubten und plünderten und brannten die Höfe nieder, und als Lefevre in Innsbruck eingezogen war, forderte er zugleich die Auslieferung aller Waffen und alles Schießbedarfs bei Todesstrafe gegen die Widerspenstigen und verfügte deshalb Hausdurchsuchungen.

Alle Kommandanten des Aufruhrs sollten vor ihm erscheinen und Hofer stand an der Spitze der Geladenen. Wer sich nicht stellte, war mit Niederreißung seines Hauses, Einziehung seines Vermögens und ewiger Landesverweisung und wenn man seiner habhaft würde, mit schimpflicher Hinrichtung bedroht. Wer aber einen der Bezeichneten einliefere der solle eine Belohnung von 100 – 1000 Gulden empfangen. Das geknechtete Volk lechzte nach Rache und aller Augen richteten sich auf Andreas Hofer. Der aber hielt sich in einer Schlucht am Schneeberge im Passeiertal versteckt und sandte von dort seine Boten rastlos hin und her, das Volk zu den Waffen zu treiben. Und am 04. August erlies er den folgenden Aufruf:  

„Herzallerliebste Tiroler, absonderlich aufrichtige Passeirer! Seid von der Güte, versehet all jene Punkte, welche ich euch vorschrieb. Berichtet alle Gemeinden im Lande und dies mit eifrigsten Stafetten, dass mein Herz nicht untreu sei, man möchte mir verzeihen. In dem ich vogelfrei bin und eine größere Summe Geldes auf mich gesetzt worden, so bin ich dermalen in einem abgelegenen Ort und werde nicht sichtbar werden, bis ich einsehe, dass sich die wahren Patrioten von Tirol hervortun, die Gegenliebe einander erzeigen und sagen werden: Wegen Gott Religion und Vaterland wollen wir streiten und kämpfen. Dann werde ich den Augenblick sichtbar sein und sie anführen und kommandieren, so viel mein Verstand vermag. Die Botschafter sind aber eiligst anzuschicken von einem Gerichte zum anderen an wahre Bundesvertraute. Munition liegt bei Bozen und die Bradlwirtin weiß davon. Euer treues Herz, Andreas Hofer, Oberkommandant von Passeier; dermalen wo ich bin.“

Dieser Aufruf half; überall kehrte der Mut zurück. Und als Hofer in den ersten Tagen des August Nachrichten von einigen kleinen Siegen seiner Freunde empfing, da trat er offen hervor und drängte das Volk zur Bewaffnung: „Nur geschwind, nichts versäumt, es geht leicht, dass der Herzhafte und Feige sehe, wie Gott mit uns ist!“. Und sie kamen: Jünglinge, Männer und Greise, behütet und geleitet von den Gebeten der Frauen und Kinder.

Mit solchen Kriegern sollte Hofer siegen.

Er drängte Lefevre und seine Generale nach Innsbruck zurück und beschloss den Angriff auf den Morgen des 13. August. Es war ein Sonntag. Die zahlreichen Feldgeistlichen lasen die Messe schon um 2 Uhr Nachts in den benachbarten Kirchen und segneten die Streiter zum Kampfe ein. Gleich darauf begann der Angriff auf allen Seiten. Lefevre war sehr überrascht, hatte er doch gemeint am Sonntag schlage sich kein Tiroler. Die Bauern hatten den Vorteil der Stellungen auf den Hügeln und Waldhöhen, der Feldmarschall den der Reiterei und des zahlreichen Geschützes. Doch er ward geschlagen und musste aus dem Lande weichen. Am 18. August erreichte er Kufstein, am 20. Salzburg.

Tirol war zum dritten male frei; und an die Spitze der Verteidigung und Verwaltung trat Andreas Hofer.

Jedoch nur für kurze Zeit: durch den Wiener Frieden fiel Tirol erneut an Bayern und Franzosen zogen heran die Bauern niederzuwerfen.

Hofer und seine treuen Freund konnten es nicht begreifen.

Er setzte den Angriff auf den Morgen des 1. November fest: „Wir sind am Äußersten, wir wollen alles wagen; Gott wird uns helfen. So können wir´s nicht mehr haben, treu sind wir auf alle Fälle.“ Doch der Kampf auf dem Iselberge auf dem Hofer zweimal gesiegt hatte, misslang und ebenso ein letzter Versuch sich vom Passeier aus der Feinde zu erwehren. Auf Hofers Kopf war vom Kommandanten in Meran nunmehr ein Preis von 1500 Gulden gesetzt. Hofer flüchtete mit Weib und Kind in eine hochgelegene Alphütte im östlichen Passeier am Eingang ins Hochtal Fartleis. Die Freund drängte ihn zur Flucht; doch umsonst! Ihm war es zur seeligen Gewissheit geworden, dass er die rechte Sache ergriffen habe und dafür leben und sterben müsse.

Doch es fand sich ein Verräter:

am Morgen des 27. Januar 1810 wurde er gefangen genommen, nach Mantua gebracht und dort von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt. Eilig kam von Mailand der Befehl, dass Hofer binnen 24 Stunden zu erschießen sei. Doch ihn bangte vor dem Tode nicht; in seiner Seele war er ruhig und heiter; und denen, die jammernd um ihn standen erklärte er mit ruhigem mildem Wort: Das Sterben käme ihn so leicht an, denn es sei Gottes Wille, dass er zu Mantua das Zeitliche mit dem Ewigen vertausche.

Am 20. Februar Vormittags 11 Uhr wurde er auf eine Bastei der Festung zur Hinrichtung geführt. Man reichte ihm ein weißes Tuch, sich die Augen zu verbinden, doch Er wies es als unnötig zurück. Auch dem Befehl niederzuknien widersprach er mit den Worten: „Ich stehe vor dem der mich erschaffen hat und sterbend will ich ihm meinen Geist zurück geben.“

Er ließ Kaiser Franz hoch leben, betete einige Minuten mit emporgehobenen Händen und rief: „Gebt Feuer!“

Die zwölf Grenadier, durch den ungeheueren Mut des Mannes erschüttert waren, trafen schlecht.

Ein Korporal musste dem Sterbenden die Mündung seines Gewehres auf den Kopf setzen und ihn so töten.

So starb Andreas Hofer. Ermordet von dem noch heute fast romantisch betrachtetem Franzosen Napoleon, getreu sich selbst, seinem Gott und seinem geliebten Vaterlande.

Sehr verehrte Corona, ich erlaube mir mein Glas zu erheben und Sie alle aufzufordern, mit mir auf das Wohl aller treuer und freiheitsliebenden Patrioten zu trinken.

 

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