Wiederbeginn 1953 - Reminiszenzen und Impressionen

Festrede anlässlich des 82. Stiftungsfestes am 05.04.2003 von

AH Suff

Hohes Präsidium, meine sehr verehrten Damen, sehr geehrte Gäste, liebe Bundes- und Farbenbrüder!

„Soso“, sagte Studienprofessor Zeuner, damals stellvertretender und kommisarischer Direktor der Lehrerbildungsanstalt (LBA), „Mützen wollt ihr tragen!“ „Ja“, antwortete unsere Schülerdelegation in diszipulärer Bescheidenheit, „wir möchten gerne Mützen tragen!“ „Na, dann tragt Mützen!“ war die Antwort.

Fortan erschienen die roten Müten neben den gründen der Casimirianer, den blauen der Ernestiner und den schicken dunkelgrünen Baretts der Alexandrinen. Ein bisschen himbeerfarben waren sie schon, unsere Schülermützen, aber dadurch fielen sie auf der „Rennbahn“ etwas mehr auf. Nach den mehr oder weniger ordentlich gemachten Hausaufgaben ging’s nämlich zum Bummel auf die Spitalgasse, vom Turm bis zum „Riemann“. Die Spitalgasse war damals noch keine Fußgängerzone, undviele Autos fuhren da auch nicht. Die Mädchen bummelten meistens auf der anderen Seite, die Losung hieß: „Sehen und gesehen werden!“

Die Schülermützen waren sozusagen der Grundstein für die Wiedergründung unserer Ernesto-Albertina. Meine Tante Martha war besonders glücklich über die Schülermützen. Im Winter setzten wir uns nichts auf den Kopf, das war verpönt. Das höchste war ein Stirnband, wie es damals nur beim Skifahren getragen wurde. „Und wieder ohne Kopfbedeckung!“ rief sie uns empört aus dem Fenster nach. Wir, das waren Manfred Griese aus Weismain, Horst Morgenroth aus Untermerzbach und ich. Meine Mutter wohnte in Mitwitz. Wir wohnten bei Cousinen meiner Motter in Logis im Schleifanger in Coburg. 1948 waren wir in die Lehrerbildungsanstalt, kurz LBA genannt, eingetreten. Schülerbusse gab es damals noch nicht. Auch die LBA war noch nicht lange wieder in Coburg. Der vormalige Reichswalter des Nationalsozialistischen Lehrerbundes, Hans Schemm, gleichzeitig Gauleiter der Bayerischen Ostmark, hatte in Bayreuth ein großes Lehrerfortbildungszentrum errichtet und dazu die Coburger LBA angeglieder. 1944 kam ich deshalb erst einmal aufs Gymnasium, wie damals das Casimirianum kurz genannt wurde. Meine Angehörigen waren der Meinung, dass ich auf eine Höhere Lehranstalt gehöre. Grüne Mützen gab es damals nicht, nur das Käppi des „Jungvolks“, wie die Vorstufe der „Hitlerjugend“ hieß. Später, bei den Vertretebesuchen bei der verehrlichen Casimiriana in deren Konstante „Cobi“ („Cortendorfer Bierstufe“ in der Steingasse), sang ich mit besonderer Inbrunst den schönen Kantus mit: „Ist der Mensch auch noch so dumm, kommt er aufs Gymnasium. Hat im Kopf er etwas Grütze, trägt er eine grüne Mütze!“ Sehr viel Grütze schine ich damals nicht gehabt zu haben, es war wohl auch nicht die richtige Schule für mich. Mein erstes Jahreszeugnis trug unter anderem folgenden Vermerk: „Die Neigung zum Schwatzen und sein hier und da sich zeigendes vorlautes Wesen zogen ihm mehrfache Zurechtweisungen zu. So war sein Verhalten nicht immer einwandfrei.“ „Logo“, würden wir heute sagen. Im folgenden Jahr bescheinigte man mir im Fach der deutschen Sprache ein Mangelhaft und in der lateinischen Sprache ein Ungenügend. Die Kollegen von damals konnten wohl nicht ahnen, dass ich meine Laufbahn als Deutschdidaktiker in der Lehrerbildung an der Regensburger Universität beschließen würde. Was das Latein betrifft, so hatte ich dann in der „S 1“ der LBA eine Eins, was meine Kinder bis heute nicht verstehen können.

Ja, so war ich dann also auf der LBA. Die war damals noch in dem schönen neugotischen Backsteinbau am Glockenberg untergebracht, und wo heute das Evangelische Gemeindezentrum ist, war die „auslaufende“ Aufbauschule. Im obersten Stock wohnten Studienprofessor Güntzel und Frau. Dieser war auch eine treibende Kraft bei der Wiedergründung der Ernesto-Albertina. 1953 haben wir sie schließlich wieder ins Leben gerufen. Studienprofessor Güntzel, genannt Leffer, war schon, wie man dem Rückblick der Bundeszeitung entnehmen kann, 1920 einziger Gast bei der „Albertina“ – obwohl man das ganze Lehrerkollegium eingeladen hatte. 1921 beriet man seine Ernennung zum Ehrenmitglied der „Albertina“. Leffer war Sängerschafter, Leipziger und Jenenser Pauliner, wenn ich mich recht erinnere. Bei uns war er 1953 Gründungsbursche und Fuxmajor. Die höheren Klassen stellten die Burschen, wir waren Füxe – schwarz-silber-schwarzes Band. Später rückten wir nach, unsere Füxe rekrutierten sich aus der Zirnbauer-Klasse (nach dem Klassensprecher so genannt). Die Klasse über uns war analog die Mauser-Klasse, übrigens die erste, die das sogenannte Vollabitur ablegte (vorher gab es die Lehramtsprüfung).

Unsere Konstante war der ehemalige „Zollhof“, neben dem Rathaustorbogen links, und beim Ausgang zur Rosengasse war die Polizei, was den Kneipbetrieb im Nebenzimmer des „Zollhofs“ nicht beeinträchtigte, vielleicht ihn immer zur Polizeistunde enden ließ. Leffer bediente die Bierorgel und wir sangen, nein, wir schmetterten die Lieder. Schließlich führten wir die Lyra im Wappen. Wenn wir auf dem Nachhauseweg in sicherer Entfernung von der Polizei waren, stimmten wir schon einmal einen zarteren Nachgesang an. Als uns einmal eine Polizeistreife bat, unseren Gesang einzustellen, konnten wir uns fürderhin der Bitte nicht verschließen. Bei meiner Erlanger Landsmannschaft war nicht nur der Erwerb der Seminarscheine vorgeschrieben, sondern zum universellen Studium gehörten auch der große Kinoschein und der große Badeschein. Diesen habe ich im glühendheißen Sommersemester 1957 erworben, als sogar noch Wassernotstand ausbrach und das Wasser nur noch zum Bierbrauen verwendet werden durfte. In meinem Marburger Semester habe ich sogar den Sängerschein geschafft. Im der Wettergasse stoppte eine Polizeistreife unseren postkneipalen Gesang und wir erhielten eine gebührenpflichtige Verwarnung nach § 22 der Hessischen Polizeiverordnung (Grund: „gesungen“). Es gibt Zahlen, die man sein Leben lang nicht vergisst.

Das Wirtsehepaar unserer Konstante „Zollhof“ waren mein Onkel Berthold (so ein Onkel um ein paar Ecken herum) und meine Tante Emmy Lautensack. Sie meinten es gut mit uns Jungen, so beim Bier-Einschenken und beim Brote-Schmieren. Vielleicht kam das daher, dass ihre beiden Söhne in den letzten Kriegsjahren als Gebirgsjäger gefallen waren. Es waren ihre einzigen Kinder. Die für den Kneipenbetrieb notwendigen Utensilien wurden allmählich beschafft. Am einfachsten war das beim Brett, einen Schläger besorgte ein Bundesbruder von einem Verwandten, zunächst grün, gold und schwarz, doch das wurde umgefärbt. Die Chargen hatten erst nur Schärpen, die von der Firma Fahnen-Koch in der Querstraße wohlfeilst angefertigt wurden. Der Besitzer war mein Onkel August, selbst ein Ernst-Albertiner. Da er die Firma übernehmen musste, wurde er allerdings nicht Lehrer wie sein Großvater (das ist mein Urgroßvater mütterlicherseits). Er hat uns übrigens 1956 die handgestickte Fahne zum 150. Schuljubiläum geschenkt und beim Kommers zum Stiftugnsfest überreicht. Der Kommers fand im Saal der „Goldenen Traube“ statt. Es mussten noch Stühle herangeschafft werden, so groß war die Beteiligung. An der Chargentafel saß übrigens auch Oberbürgermeister Dr. Langer – ein Zeichen der Verbundenheit mit unserer Schulstadt Coburg. Onkel August hatte einen angeheirateten Verwandten, der Schneidermeister in der Blumenstraße war. Er hat uns dann die Pekeschen zum Selbskostenpreis gemacht. Ich erzähle das nicht, um meine Verwandtschaft und deren Wohltaten vorzuführen, sondern um aufzuzeigen, wie alles Schritt für Schritt vorwärtsging und wie groß die Solidarität war. Gewinnmaximierung war eben noch nicht angesagt.

So, das war nun die Verpackung, um mit Bbr. Peter Schrickel zu sprechen. Was war nun der Inhalt, was war es, das uns an der Verbindung so faszinierte? Im Grunde genommen war es dasselbe, was Bbr. Bernd Jung – siehe Bundeszeitung vom Juni 2000 – zum Fünffarbenkommers als unantastbare Prinzipien genannt hat. An dieser Stelle möchte ich zunächst den Herausgebern der Bundeszeitung herzlich danken und ihnen ein Kompliment für die Gestaltung aussprechen. Die Bundeszeitung erfüllt eine ganz wichtige Funktion, besonders für Bundesbrüder, die nicht kommen können.

Die von Bbr. Bernd Jung genannten Prinzipien sind:

-         das Couleurprinzip

Farbe tragen heißt auch Farbe bekennen. Nicht alle Kollegiumsmitglieder waren unserer Verbindung gegenüber besonders aufgeschlossen. Aber das gab es ja auch früher schon. Oberstudiendirektor Fritz Treuheit (er war Angehöriger der Landsmannschaft Teutonia Würzburg im Coburger Convent) hielt sehr zu uns. Er verstarb ganz plötzlich. Sein Nachfolger, OStD Dr. Stahlmann, war sehr reserviert (später traf ich ihn immer beim Empfang der Stadt für den C). er war aber auch fair und half mir in einer persönlichen Angelegenheit. Ausgerechnet mein „geistiger Ziehvater“, Bernd Becke (korporierter Gildenschafter), genannt „Bömmel“, war sehr, sehr reserviert. Als wir 1956 zum 150. Schulstiftungsfest für den Umzug durch die Stadt Aufstellung genommen hatten (Stadtkapelle – unsere Fahne – Lehrerkollegium – Abiturklasse – die anderen Klassen, das war die Reihenfolge), weigerte er sich, hinter unserer Fahne mitzumarschieren. Der stellvertretende Anstaltsleiter, Oberstudienrat Dr. Kilian (Königsberger Landsmannschafter), glättete jedoch die Wogen und los ging’s zum Rosengarten.

-         das Conventsprinzip

Die von uns in den Conventen geübte demokratische Kultur fand nicht in allen Unterrichtsstunden statt. Unser Biolehrer, Studienprofessor Carl, genannt „Charly“, war Major der Reserve, und so war sein Unterricht auch. Wo heute der Erweiterungsbau des Ernestinums steht, befand sich unser Schulgarten. Wir hatten Gartenbau als Schulfach. Das hieß, dass die Tomatenstöcke in Reih und Glied ausgerichtet werden mussten. Erst recht das Umgraben mit dem Spaten war eine volle militärische Aktion: „Aufstellen!“ – „Einstechen!“ – „Spaten umdrehen!“ – „Scholle zerkleinern!“ – „Einen Schritt zurücktreten!“ kommandierte Charly.

-         das Lebensbundprinzip und das Freundschaftsprinzip

Es war faszinierend für uns, wenn wir mit den Alten Herren zusammensaßen, uns duzten und miteinander fröhlich waren. Dazu gehörten auch die Lehrer wie Hans Hein oder Josef Ehrle. Uns verband eben das gemeinsame Band.

In der damaligen Zeit gab es allerdings eine andere Grundstimmung. Man könnte sie so formulieren:

„Wir waren alle noch einmal davongekommen!“

Das galt für Lehrer und Schüler gleichermaßen. Hans Hein gab Unterricht in „entmilitarisierter Wehrmachtsjacke“, denn Textilien waren knapp und man bekam sie nur auf Bezugsschein. Erwin Pensl (Landsmannschaft Egerländer Landtag) hatte nur noch drei Finger an der rechten Hand, die beiden anderen waren ihm weggeschossen worden. Im April 1945 wurde Coburg von amerikanischer Artillerie beschossen. Ich wohnte bei den Großeltern in der Kirchgasse 12, Eingang Neugasse. Eine Granate schlug in meinem Zimmer ein, flog durch mein Bett, dass die Federn stoben, knallte auf einen Türpfosten (härter als Beton), zerbarst und riss den Flur und die Treppe mit in den unteren Stock. Wir saßen im Keller und waren noch einmal davongekommen. Übrigens hat das Haus einen der schönen Innenhöfe, wie ich sie dann bei dem interessanten Rundgang zum 80. Stiftungsfest erst richtig kennengelernt habe. Man lernt eben immer noch dazu. Dafür haben wir ja auch die Eule auf dem Buch in unserem Wappen. Unser erster Direktor an der LBA war Dr. Witzmann, ein fortschrittlicher Pädagoge. Im Monat gab es einen schulfreien Samstag zum Selbststudium. Ich setzte mich in den Lesesaal der Landesbibliothek und beschäftigte mich mit Astronomie. Da war gerade der Urknall aktuell.

Zu meinen Reminiszenzen an eine schöne Schulzeit gehören auch die fröhlichen Stunden im Kreise der Bundesbrüder oder bei den Besuchen der Schwesterverbindungen in der „Cobi“ oder im „Halben Mond“ am Steintor, das war die Konstante der Ernestiner. Wie ich von Coburger Bundesbrüdern in Erlangen gehört habe, kann man als Kollegiat auch am Alexandrinum landen. O tempora mutantur! Aber immerhin haben wir das Alex-Haus in der Unteren Anlage “geerbt”. 1955 wurde umgezogen. Ich leistete auch meinen Beitrag dazu und trug die ausgestopften Vögel über die „Sturmstreppen“ zu ihrem neuen Domizil das war’s denn auch, im Unterricht habe ich die Aves nie gesehen. Mit dem Umzug endete die Geschichte des alten LBA-Gebäudes am Glockenberg. Schon mein Urgroßvater Eduard Götz (Lehrer in Rossfeld) und mein Großvater Ernst Götz (Lehrer in Meeder, dann in Brand bei Marktredwitz) hatten hier die Schulbank gedrückt. Aus der alten LBA war inzwischen die Oberschule in Kurzform geworden, aus dieser das Deutsche Gymnasium (wo ich und mein Vetter Peter Götz Abitur gemacht haben) und schließlich das „musische Albertinum“.

Wir könnten nun die „Verpackung“ des Kommerses ändern und getreu unseren demokratischen Conventsgepflogenheiten darüber abstimmen, ob wir heute das 83. oder das 110. Stiftungsfest unserer Ernesto-Albertina feiern. Ich habe nämlich ein Erbstück von der Wand genommen. Es ist ein altes Foto mit würdig dreinschauenden jungen Herren, alle in Vollcouleur. Darunter befindet sich mein Großvater, der ein großes Trinkhorn hält (man beachte meinen Zerevisnamen). Am Rande steht ein Fässlein mit der Aufschrift „§11 / 1893“. Die Versammlung zeigt also eine Vorläuferverbindung unserer Ernesto-Albertina. Ergo, wenn nichts Gegenteiliges bewiesen werden kann – unser AHx Thomas Kunze als berufener Jurist wird da sicher zustimmen - , feiern wir heute das 110. Stiftungsfest!
 
 

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