Dreizehn Jahre Deutsche Einheit

Festrede anlässlich des Kommerses zum Tag der Deutschen Einheit am 03.10.2003 von

AH Barbarossa

 

Wertes Präsidium, verehrte Korona,

 

13 Jahre sind ins Land gezogen seit den ereignisreichen Tagen, in welchen die Menschen in Ost und West nach Einheit riefen und Einheit erlangten.

 

In jenen Tagen, da sich die Menschen auf Werte besannen, die älter sind als die heutige Gesellschaft, war es für wenige Monate sogar möglich, die ganze Welt politisch und ideologisch an einem Strang ziehen zu sehen.

Und auch in den heutigen Tagen zeigen sich oft Lichtpunkte dieser Zeit.

 

Als ich mich in dieser Woche an die Arbeit machte, die Festrede zu verfassen, abgegrenzt von Funk und Fernsehen, da hatte ich vor, meine Worte weniger der Politik zu widmen als eher der Besinnung auf Grundwerte und Grundaussagen der friedlichen Revolution der Jahre 1989 und 1990.

Es stand in meinem Herzen das Wort Brüderlichkeit als Hauptwort für diese Rede. Die Worte, welche so die erste Fassung ergaben, zeigten keine Ansätze von „Hurra Patriotismus“ oder falschen Ansichten, sondern zeigten nur negatives, denn wo viel Licht, da viel Schatten.

Als ich nun heute viele Reden und Nachrichten hörte, fühlte ich mich in meinen Gedanken bestätigt. Daher entschied ich mich, die Festrede noch einmal zu überarbeiten, um den Worten hochgestellter Persönlichkeiten unserer Bundesrepublik den nötigen Respekt zu geben.

 

So war es ein Nachrichtensprecher im Radio, welcher meinen Gedankengang bei der Themenfindung für diese Rede stützte, als er gleich mir, die Französische Revolution vor 214 Jahren und das Bündnis der Urkantone der Schweiz mit Parallelen zur Wiedervereinigung versah.

Er hob in seinem Beitrag, im Hinblick auf das weltpolitische Geschehen dieses Jahres, die Freiheit und Gleichheit hervor, und wünschte den Bürgern des Irak ein einiges Volk und gleiche Grundrechte, wie es vor 13 Jahren auch für das deutsche Volk der Fall war.

 

Ich möchte nun die Brüderlichkeit hinzufügen, denn sie war die treibende Kraft im Verlangen nach Einheit und Gleichheit, welches die Völker auf die Straßen bzw. eine Wiese am See brachte. Der Wunsch nach diesen Werten und Rechten führte die Herzen der Menschen zusammen und so Tausende in verschiedenen Städten zu den Montagsdemonstrationen auf den Asphalt. In unserer aller Gedächtnis wird, im Gedenken an die Ereignisse dieser Zeit, so auch die Bilderfolge aus den Straßen vor der Prager Botschaft verankert bleiben, als die Worte zur Einreiseerlaubnis, ausgesprochen von Hans-Dietrich Genscher, in einem Schwall von Freudenrufen und Freudentränen untergingen.

Auch die berühmten Szenen am Brandenburger Tor, als ein Polizist eine ältere Frau durch das Tor führte und Millionen Menschen, vor Ort und an den Bildschirmen zu Hause die große, tief empfundene Freude in den Augen dieser Frau sahen und wenig später miterlebten, wie das Bollwerk des Kommunismus, die Berliner Mauer, zerstört durch tausende Hände in Trümmern versank.

 

Lasst uns diese Bilder nie vergessen, denn sie bergen die tiefsten Gefühle der Einheit und Brüderlichkeit in sich.

 

Dies betone ich aus gutem Grund.

Ich hatte in den letzten Monaten oft Möglichkeit, Menschen aus allen Himmelsrichtungen und Bundesländern kennen zu lernen und aus ihren Worten zu hören, wie sie über die Einheit denken.

Leider jedoch bevölkern in ihren Worten immer noch „Ossis“ und „Wessis“ die Bundesrepublik und immer noch ist der Nachbar vor 10 Jahren nicht aus Halle a. d. Saale oder Frankfurt a. d. Oder nach Hannover oder München gezogen, nein, noch heute liegt sein ehemaliger Wohnort im Osten, also weit weg vom beschränkten Denken desjenigen, oder gar in „Dunkeldeutschland“.

 

Verbunden mit solchen Aussagen legten sich mir Bilder aus den ersten Jahren der 90er auf die Seele, als in langen und aussichtslosen Gerichtsprozessen die Brüderlichkeit und Einheit beim Eigentum und Kapital mit Füßen getreten wurden, um Ländereien, Grundbesitz und Immobilien nach Jahrzehnten den jetzigen Eigentümern zu entreißen.

Brüderlichkeit, Einheit und Freundschaft hören, nach altem Wort, beim Geld wohl auf.

 

Da klingen die Worte der Politiker etwas halbherzig, wenn sie Angleichungen der Löhne, des Lebensstandards oder der Verkehrsanbindungen von Ost und West sprechen. Diese Worte sollen dann für schönes Wählerwetter bei Bundestagswahlen oder Umfragen sorgen.

Würde man jedoch Brüderlichkeit, Gleichheit und Einheit als Grundprinzipien in Herz und Handeln fest verankert haben, wäre dies, trotz aller Widrigkeiten, bereits geschehen, und der von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse geäußerte Wunsch bereits in die Tat umgesetzt, den Begriff der Neuen Bundesländer aus dem Gedankengut der Menschen zu verbannen.

 

Es gab bereits ein kurzes Aufleuchten dieses Zustandes, als die Bundesrepublik vor einem Jahr vom Hochwasser heimgesucht wurde. Da kannten die Menschen in diesem Land kein Ost und West und kein Alt und Neu. Sie gingen, dem Bruder und der Schwester zu helfen. Dies oft über hunderte Kilometer und ohne bis heute die Namen derer erfahren zu haben, denen sie geholfen haben.

Ein Umstand, und ich meine jetzt nicht die Katastrophe, der sich durchaus wiederholen sollte, das die Menschen öfter Brüderlichkeit und Miteinander, Einheit und Gleichheit leben und erfahren.

 

Deutschland ist politisch eins geworden und Bundeskanzler Gerhard Schröder konnte heute Mittag in seiner Rede in Magdeburg stolz, und das mit Recht, verkünden, dass die deutsche Nation, das Vaterland, wieder so weit politisch es wagen kann, gegenüber anderen Nationen auch einmal „Nein“ zu sagen. Die berühmte Fähigkeit, derer jedes Individuum fähig sein sollte, hat unser Heimatland nach 13 Jahren der Wiedervereinigung zurückerlangt. Unser Land ist wieder stark und steht seinen Mann in vielen Bereichen der Weltpolitik ohne Angst vor belächelnder Reaktion anderer Länder haben zu müssen.

Hoffen wir, das sich dies nicht wieder ändert und Deutschland weiterwächst an seinen Aufgaben und erstarkt an dem Willen seines Volkes.

 

Deutschland hat es nun zu einem großen Teil auch geschafft, seine Geschichte zu verarbeiten und die Geschehnisse der Vergangenheit durch die Augen neuer Generationen neu zu sehen.

Da ist es ein Wohlklang für Herz und Seele, wenn Kardinal Lehmann, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz die Deutschen zu mehr gesundem Patriotismus aufruft und so den Menschen nahe legt, sich wieder ein neudefiniertes Maß an Nationalstolz anzueignen.

 

Leider werden derartige Gedanken von Ereignissen der jungen Vergangenheit verdunkelt, in denen eine Landsmannschaft einer anderen Verbindung gegenüber, meiner Meinung nach aus purer Dummheit, die Zeiten von Mauerschüssen, Grenzzäunen und SED wieder heraufbeschwört. Ich möchte hier weder Namen nennen, noch diesen Fall weiter ausbreiten. Doch will ich festgestellt haben, dass auf diese Weise alles Erreichte zerstört wird, ein solcher Fall weder im Geiste der Brüderlichkeit, noch dazu unter Farbenträgern, noch im Sinne einer akademischen geistigen Haltung und Reife steht und somit Ziel und Sinn von Verbindungen, gegründet im Geist der Brüderlichkeit, missachtet.

 

Brüderlichkeit ist also nach allem Angeführten die Essenz des Miteinanders und der Einheit.

Um unser Vaterland auch noch von den letzten Schranken in den Köpfen der Menschen zu befreien, muss Brüderlichkeit gelehrt, vermittelt, gezeigt und gelebt werden.

Dieses aber in noch stärkerem Maße als heute.

 

Es ist die Aufgabe derer, welche das Prinzip der Brüderlichkeit verinnerlicht haben, dieses zu lehren.

 

Wer jedoch sind diese, ich möchte sagen, Dinosaurier der veralteten Werte? Wer ist mit dem ausgerüstet, denen zu veranschaulichen, wie Brüderlichkeit gelebt wird, welche sie nicht schätzen?

 

Es sind die Väter und Großväter, die in ihrer Erziehung diese Werte mit auf den Weg bekommen haben. Es sind die Mütter und Großmütter, welche noch Einfluss auf ihre Nachkommen haben. Und es sind die Farbenträger aller Korporationen, welche unpolitisch und ohne Vorurteile auf Menschen zugehen, und so Brüderlichkeit leben.

 

Doch fehlt hier noch ein wichtiger Punkt, bevor ich enden möchte. Dieser ist die Definition der Brüderlichkeit.

 

Das Wort birgt als Stammwort den Begriff Bruder. Brüderlichkeit würde so bedeuten, einen jeglichen Menschen wie den eigenen Bruder zu behandeln. Dies heißt über Fehler und Schwächen hinwegzusehen und die Notwendigkeiten bereitzustellen, die Unzulänglichkeiten zu beheben. Es heißt, die Stärken zu fördern und die Möglichkeiten zu stellen, diese zu schulen.

Brüderlichkeit bedeutet aber auch, nicht mit der geballten Gewalt von Regeln den Nächsten in Grund und Boden zu stampfen, seine Persönlichkeit zu brechen und die Grundlage der Individualität damit zu verbannen.

Brüderlichkeit ist somit ein Ausdruck auch von Nächstenliebe.

 

Lasst uns alle auf diese Weise, mit diesem Wissen, Vorbilder sein. Lasst uns, als Farbenträger, Vorreiter und Lichter der Brüderlichkeit sein.

 

Dadurch kann aus dem Kleinen jeder Mensch, welcher Brüderlichkeit lebt, ein Vorbild für das Große, unser Vaterland, erwachsen und der alte Liedtext wieder neue Berechtigung erlangen:

 

Eins im Geist und Streben, Eins in Lied und Leben,

Eins in Wort und Tat.

 

Möge uns allen dies gelingen, auf dass unser Vaterland ewig wachse, blühe und gedeihe!

 

Auf unser Deutsches Vaterland!

 

Prost!
 

 

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