Kommerslieder

Festrede anlsslich des 84. Stiftungsfestes am 17.04.2004 von

AH Horst

 

Verehrte Festcorona,

wir feiern heute aus Anlass unseres Stiftungsfestes eine Festkneipe bzw. einen Kommers, also eine traditionelle Korporationsveranstaltung zu deren Ausgestaltung einige unverzichtbare Bestandteile gehren.

Da wir uns freuen zu lblichen Tun uns versammelt zu haben, begren wir unsere Gste. Die Regeln des Ablaufes einer Kneipe sind dem Comment unterworfen, bei dem auch der commentgeme Stoff - das Bier- eine gewichtige Rolle spielt. Mehr oder auch weniger gelungene Reden gehren natrlich auch dazu. Auch das Unterhaltsame, meist in Gestalt eines Fuxenulkes, bereichert diese Zusammenkunft.

Den wohl wichtigsten Bestanteil einer Kneipe oder eines Kommerses, der sich wie ein roter Faden durch den Abend zieht, bildet aber der Kommersgesang, bilden unsere Lieder. Diesen Teil habe ich mir herausgegriffen um ihn einer nheren Betrachtung zu unterziehen. Natrlich bietet sich dieses Thema  auch deshalb an, da wir ja eine Vereindung an einem Musischen Gymnasium sind, wenngleich ich selbst als ursprnglicher "Oberrealschler" mich nicht in erster Line zu den Musenshnen zhle, und fr mich ein Ausflug in die Welt der Lieder ein gewagtes Experiment ist.

Quelle unseres Liedgutes ist das "Allgemeine Deutsche Kommersbuch" eine ber Jahrzehnte - ja man kann schon sagen ber Jahrhunderte - gewachsene Sammlung, die jedoch nicht statisch geblieben ist, sondern sich von Auflage zu Auflage dynamisch entwickelt hat und wohl auch weiterhin entwickelt. Es werden neuere Lieder aufgenommen, aber auch manch lteres herausgenommen. Den Kern jedoch bilden eine Vielzahl von Liedern, die untrennbar mit der Tradition der Korporationen verbunden sind und die zu unserer Idenditt gehren. Wenn wir diese Lieder singen identifizieren wir uns mit unserer Tradition und drcken gleichzeitg eine bestimmte Lebenseinstellung oder -haltung aus. 

Betrachten wir die textlichen Inhalte der Lieder, knnen wir sie Gruppen zuordnen. Eine Gruppe ist mit der berschrift "Vaterland" versehen. Dies sind meist Texte, die anfang bis mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sind und deren machmals recht markige Diktion sich uns heute oft schwer erschliet. Verstndlich werden sie, wenn man sich mit ihrem geschichtliche Zusammenhang auseinandersetzt.

Eine andere groe Gruppe von Liedern besingen die Heimat, preisen Landschaften und Stdte. Es gibt keine der alten traditionellen Universittsstdte, die nicht mit einem Lied besungen  wird. Die "goldene Studentenzeit" wird dort hervorgehoben. Damals gab es sicher an den Universitten noch Studienbedingungen, die diesen Frohsinn allzu verstndlich machen. 

Einen nicht unerheblichen Teil stellen die Trinklieder um nicht zu sagen Sauflieder - wie zum Beispiel "Im Schwarzen Walfisch zu Askalon" dar, deren Texte keiner nheren Erklrung bedrfen, und bei denen der Versuch einer Interpretation wohl mig ist. Sprhende jugendliche Lebensfreude spiegelt sich darin wieder. Eine Lebenshaltung der Studenten jener Tage, die auf uns immer noch wirkt und uns vieleicht auch Ansporn geben kann.

Es gibt aber auch noch eine Anzahl von Liedern, bei denen man auch hinter den Text schauen kann und sich Dinge entschlsseln lassen, die nachdenkenswert sind und eine Botschaft herberbringen, und die eingangs erwhnte Lebenseinstellung und -haltung verdeutlichen.

Um dies an einem Beispiel aufzuzeigen, habe ich ein Lied herausgegriffen, das mich persnlich sehr anspricht. Ein Lied, das nicht zu den "Top Ten" der Kommerslieder-Hitparde zhlt, also nicht zu den bekanntesten gehrt. Bei meinen Schlerverbindungen haben wir es meines Wissens noch nicht auf einer Kneipe gesungen. Ich selbst habe es erstmals bei einem Stammtisch eines Verbandes Alter Herren gehrt. Das liegt sicher auch daran, dass sich der Text dieses Liedes eher dem lteren Menschen als einen jungen Schler erschliet.

Das Lied heit "Nur einmal bringt des Jahres Lauf". Es ist ein kurzes Lied in drei Strophen. Da es nicht so bekannt ist werde ich die Strophen jeweils vortragen bevor ich sie einer Betrachtung unterziehe.


Erste Strophe:

Nur einmal bringt des Jahres Lauf uns Lenz und Lerchenlieder;
nur einmal blht die Rose auf und dann verwelkt sie wieder;
nur einmal g
nnt uns das Geschick, so jung zu sein auf Erden:
Hast du vers
umt den Augenblick, jung wirst du nie mehr werden.
 

In der ersten Strophe zeigt uns der Dichter in drei aufeinanderfolgenden bildhaften Vergleichen die Vergnglichkeit deutlich auf. In diesem Bildern muss wohl die Umschreibung "des Jahres Lauf" vom Frhjahr zum Winter mit dem "Lebenslauf" von der Geburt bis zum Tod gleichgesetzt werden. Jeder Abschnitt des Lebens, ja jede Sekunde ist einmalig und nicht wieder einholbar. Der letze Satz "Hast du versumt den Auganblick, jung wirst Du nie mehr werden" macht deutlich, dass jede nicht bewusst gelebte Zeit unwiederbringlich verloren ist.  

Da es ja ein Studentenlied ist spielt der Begriff "Jugend" hier eine besonders groe Rolle. Jedoch ist dies sicher auf alle Abschnitte des Lebens zu bertragen. Zum "bewusst Leben" gehren, neben seinen Pflichten, denen man nachgehen muss, sicher auch Stunden des Frohsinns, an die man sich gerne erinnert, oder  in angenehmer interessanter Gesellschaft, wie zum Beispiel einem Festkommers, Erlebtes.

Noch einmal zurck zum Begriff "jung" oder "Jugend", der in diesem Lied und auch in einer Vielzahl anderer Kommersieder vorkommt und oft bildhaft zu verstehen ist. So wird "jung"  synonym zu "frisch", auch "geistig frisch", "angenehm", also allgemein positiv verwendet; "alt" dagegen bedeutet "geistig verharrt" ,"unangenehm", "mhsam", ist also negativ besetzt.  

Sehr krass ist diese Metapher im Kommersliederklassiker, dem "Gaudeamus Igitur" ausgedrckt: "post iucundam iuventutem post molestam senectutem" bersetzt: "nach der angenehmen Jugend nach dem lstigen Alter". Zurck zum Lied.


Die zweite Strophe:

Drum la von der gemachten Pein um nie gefhlte Wunden!
Der Augenblick ist immer dein, doch rasch entflieh'n die Stunden.
Und wer als Greis im grauen Haar vom Schmerz noch nicht genesen,

der ist als J
ngling auch frwahr nie jung und frisch gewesen.


Nach der Bestandsaufnahme der Verg
nglichkeit, die in der ersten Strophe aufgezeigt wird, beginnt die zweite mit einem Aufruf: "Drum lass von der gemachten Pein um nie gefhlte Wunden".
 

Dieser Satz ist nicht ganz leicht zu entschlsseln. Ich meine es heit: Nebenschliches nicht zu wichtig zu nehmen und seine Kraft nicht dabei zu vergeuden oder schlicht einfach sich nicht ber Lappalien aufzuregen. Es bedeutet auch Dinge nicht zu Schwarz zu sehen und sich nicht im Selbstmitleid aufzureiben, sondern ber den Dingen zu stehen. 

"Der Augenblick ist immer dein": erinnert daran, dass es jeder jederzeit selbst in der Hand hat, sein Leben zu gestalten und seine Zeit sinnvoll zu nutzen und einzuteilen. Dieses "sinnvoll Nutzen" wird verstrkt durch den Hintergrund eines weiteren Bildes der Vergnglichkeit in diesem Lied "doch rasch entflieh'n die Stunden" angemahnt.

Mit der Feststellung "Und wer als Greis im grauen Haar vom Schmerz noch nicht genesen, der ist als Jngling auch frwahr nie jung und frisch gewesen" endet die zweite Strophe. Wer es ber die Jahre nicht geschafft hat ber den Dingen zu stehen, der hat es in der Jugend versumt die Grundlagen fr jene aufgezeigte Lebenshaltung zu legen.

"Jung" ist in diesem Zusammenhang wieder bildhaft zu verstehen.


Dritte Strophe:

Nur einmal blht die Jugendzeit und ist so bald entschwunden;
und wer nur lebt vergang'nem Leid, wird nimmermehr gesunden.

Verj
ngt sich denn nicht auch Natur stets neu im Frhlingsweben?
Sei jung und bl
hend einmal nur, doch das durchs ganze Leben!


Die Dritte Strophe beginnt mit einem weiteren Gleichnis der Verg
nglichkeit: "Nur einmal blht die Jugendzeit und ist so bald entschwunden", gefolgt von einer Lebensweisheit "und wer nur lebt vergang'nem Leid, wird nimmermehr gesunden". Dies zeigt einen weiteren sehr wichtigen Aspekt der Lebenshaltung. Man soll sich nicht mit dem Blick nur auf die Vergangenheit einengen und Vergangenem nachtrauern, sondern vorwrts in die Zukunft blicken und sich gestaltend ins Leben einbringen.

So wie die erste Strophe mit dem Jahreslauf begonnen hat, endet die dritte mit einem Bild aus dem Jahresablauf "Verjngt sich denn nicht auch Natur stets neu im Frhlingsweben?" Im Gegensatz zu der in der ersten Strophe benutzten Gleichsetzung von Jahreslauf und Lebenslauf als ein gradliniger Prozess mit Anfang und Ende benutzt jetzt der Dichter das klassische Bild des Kreislaufes der Jahreszeiten als zyklischen Prozess. Wie alljhrlich die Natur neue Kraft schpft  sollen auch wir versuchen mit neuen Energien an die immer wiederkehrenden Herausforderungen des Lebens heranzutreten. Auch wenn ein Misserfolg, wenn ein persnlicher Schmerz uns zurckwirft, so gibt es aus uns selbst heraus wieder eine Kraft die uns wieder nach vorn schauen lsst und uns zu neuen Zielen fhrt oder die uns neue Ziele definieren lsst wenn wir auf Erreichtes zufrieden blicken knnen.

Woraus kommt nun diese Kraft? Ich meine sie grndet sich auf einer vorwrts gerichteten, positiven Lebenshaltung und einem positiven Denken. Wenn man dies fr sich befolgt, dann ist man "jung und blhend einmal nur"  --  "doch das durchs ganze Leben".
 

 

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