Die Verbindung - ein Auslaufmodell?
Ein Vergleich mit modernen Managementkonzepten

Festrede anlässlich des Fünffarbenkommerses am 05.02.2005 von

AH Bopp

 

Hohes Präsidium, werte Festcorona!

Was nennen viele Jugendliche und Studenten, also potentielle Füxe, als Argumente, wenn sie gefragt werden, warum sie nicht einer Verbindung beitreten? 

-     Die Geisteshaltung von Verbindungen ist viel zu konservativ bis hin zum Rechtsradikalismus. – Dieses Argument möchte ich heute einmal nicht weiter verfolgen. 

-    Verbindungen sind ihrer Art und ihrem Wesen nach antiquiert, veraltet. Sie stellen keine zeitgemäße Form der Freizeitgestaltung und der Gruppierung Jugendlicher dar. Verbindungen sind also nicht – wie es im neudeutschen Sprachgebrauch so schön heißt – trendy oder in.

Diese zweite These wage ich zu hinterfragen. Aufbauen wird meine Argumentation auf einem Vergleich von Merkmalen, die Verbindungen charakterisieren und modernen Managementkonzepten, wie sie im Moment an Hochschulen gelehrt werden. Es sei hierbei darauf hingewiesen, dass meine Aufzählungen und Analysen nur exemplarisch und somit keinesfalls umfassend sind.

Es stellt sich aber zunächst die Frage, ob die beiden Bereiche, die ich am heutigen Abend betrachten werde, überhaupt miteinander in Verbindung gebracht werden können. Was haben Korporationen und Managementkonzepte gemein?

Betrachten wir beispielsweise einmal die Struktur einer Verbindung. So sind Korporationen insgesamt hierarchisch angelegt. Kritiker bemängeln, dass Verbindungen somit auf ein quasi-militärisches Befehl-Gehorsam-System abstellen würde; jedoch ist die Führung einer Verbindungen, die Präsiden, demokratisch gewählt und nicht von Gottes Gnaden o.ä. gegeben. Zudem sind die Befugnisse der Präsiden den Restriktionen durch Satzung und Comment ausgesetzt.

Die Hierarchie weist gegenüber einer losen Gruppierung OHNE akzeptierte Hierarchie Vorteile auf. So dürfte es bei letztgenannter Gruppe schwierig sein, Aufgaben zu verteilen und deren Umsetzung auch durchzusetzen. Es ist anzunehmen, dass manche Aufgaben mehrfach vergeben werden müssen oder erst in letzter Sekunde erledigt werden, wodurch zusätzliche Kosten[1] entstehen können. Letztlich steigt der Aufwand an Kontrolle und Koordination in einer derartigen Gruppe enorm an; die Transaktionskosten erhöhen sich gewaltig.[2] Dies ist bei Korporationen nicht der Fall. Aufgrund der Hierarchie ist eindeutig geklärt, wer für welche Aufgaben zuständig ist. Zudem steht der Verbindungsleitung ein vorgegebener Sanktionenkatalog zur Verfügung, was Willkürakte zu vermeiden hilft.

Jedoch ist nicht nur dieser Punkt interessant. Betrachtet man nämlich diese Hierarchie genauer, so wird man schnell feststellen, dass in Wirklichkeit gar keine Befehle gegeben werden, sondern dass vielmehr vom Präsidium aus DELEGIERT wird. Die Präsiden trauen also den Beauftragten jeweils zu, diese Aufgabe bewältigen zu können bzw. bieten Letzteren für den Fall des Auftretens von Problemen auch Hilfsmaßnahmen an. Schaut man sich nunmehr in der Managementliteratur um, so wird einem der Begriff des „Management by Delegation“[3] als sehr zutreffend erscheinen. Jener Ansatz basiert auf der Erwartung, dass der Mitarbeiter zur Erledigung seiner Aufgabe befähigt ist oder wird – und genau dies sehen wir bei Verbindungen wiedergegeben.

Schon dieses eine Beispiel zeigt, dass man in Korporationen einige Managementkonzepte verwirklicht sehen kann – und dies schon seit langer Zeit.

Die Hierarchie war bereits als Struktur genannt. Neben dieser gibt es aber noch die breit gefächerte Altersstruktur der Verbindungen. Vom 16-jährigen Fux bis hin zum über 90-jährigen Alten Herrn sind alle Altersgruppen vertreten, diskutieren miteinander und helfen einander. Wir haben es somit bei Verbindungen mit besonders stark altersgemischten Gruppen zu tun, die inzwischen von immer mehr Unternehmen eher als Chance denn als Hindernis angesehen werden.

In einer Verbindung lernen die Jungen von uns Älteren. Wir bringen ihnen unsere Sitten und Bräuche sowie unsere Lieder – letztendlich unsere bewährten Traditionen. Für Außenstehende sind diese Traditionen meist unverständlich, werden als antiquiert betrachtet. Doch betrachtet man die einzelnen Lieder und Bräuche genauer, wird am Besten von einem älteren Bundesbruder im übertragenen Sinne an die Hand genommen und in dieser so unbekannten Welt geführt, dann ergibt urplötzlich alles einen Sinn, ja, können auch Parallelen zur Gegenwart entdeckt werden.

Was würde aber passieren, wenn es unsere beinahe allwissenden Alten Herren nicht mehr gäbe? Die Traditionen würden nach und nach erodieren bis sie zu schlechter Letzt ganz untergehen – weil sie keiner mehr kennt und versteht.

Ähnliche Probleme haben auch moderne Unternehmen. Der jeweilige Mitarbeiter erhält nicht nur eine Schulausbildung sowie eventuell eine akademische Ausbildung an der Universität. Zusätzlich zu dieser formalen Ausbildung muss der Arbeitnehmer am Arbeitsplatz direkt noch vieles hinzulernen. Dies wird auch gern als „training-on-the-job“ bezeichnet. Durch die Ausübung seiner Tätigkeit lernt der Arbeitnehmer viele nicht kodifizierte bzw. notierte Informationen hinzu. Er baut sich somit auf Dauer eine Art „Geheimwissen“ auf, das gemeinhin als „tacit knowledge“ bezeichnet wird, weil es dem Unternehmen selbst nicht bewusst ist, dass es dieses Wissen überhaupt gibt. Vielfach handelt es sich um Verfahrensweisen oder bestimmte Tricks und Kniffe, die die Tätigkeit vereinfachen oder das Produkt letztlich verbessern. Da dieses Wissen vom Prinzip her für die Unternehmen Geld wert ist, versuchen sie es nach Möglichkeit im Unternehmen zu halten, auch wenn ein Mitarbeiter ausscheiden muss. Wird dieses informelle Wissen nämlich nicht an den Nachfolger oder an Kollegen weitergegeben, so entstehen „sunk costs“. Dies bedeutet, dass das Rad sprichwörtlich ein zweites Mal erfunden werden muss, was natürlich mit hohen Kosten verbunden ist, weil es zumeist vieler vorheriger Fehlversuche bedarf, um eben jene Innovation zu entdecken. Zudem war der bereits beim ersten Mal betriebene Aufwand somit umsonst – das Geld wurde versenkt (deswegen „sunk costs“) –, denn mit dem Weggang des Arbeitnehmers verlässt auch das erworbene Wissen das Unternehmen.

Es gibt daher verschiedene Ansätze, das Wissen im Unternehmen zu halten. In Japan sind im Rahmen des Konzepts „Kaizen“ alle Mitarbeiter dazu angehalten, stets an der Verbesserung des Produktes sowie der Produktion zu partizipieren, was zumeist in Qualitätszirkeln oder im Rahmen eines betrieblichen Vorschlagswesens geschieht.[4]

Weiterhin setzen die Unternehmen verstärkt auf altersgemischte Arbeitsgruppen. Hierbei sollen die Älteren im Unternehmensalltag nach und nach ihr Wissen den Jüngeren übertragen. Und dies klingt uns Korporierten doch durchaus wieder vertraut! Gäbe es diesen Austausch zwischen Jung und Alt nicht, würde Wissen unwiderruflich ausgelöscht werden, Traditionen vergehen.

Für die Unternehmen wird es inzwischen sogar immer wichtiger, ältere Arbeitnehmer länger zu halten, denn der demographische Wandel kündigt sich bereits an.[5] In den kommenden Jahrzehnten werden immer weniger neue Fachkräfte nachfolgen, sodass auf dem Arbeitsmarkt für qualifizierte Nachwuchskräfte mit Angebotsengpässen zu rechnen ist. Der Jugendwahn der Unternehmen wird nicht mehr allzu lang wie bisher die Personalpolitik dominieren können, denn sonst stehen die Unternehmen ohne Mitarbeiter dar. Aus diesem Grund wird nicht nur auf den Wissenstransfer von Alt an Jung gebaut, sondern auch auf eine „Ageing Workforce“, also eine Belegschaft, deren Höchstalter nicht auf 50 Jahre beschränkt ist. Die jungen und die älteren Arbeitnehmer sollen in altersgemischten Arbeitsgruppen kooperieren, sich gegenseitig weiterhelfen. Die Jungen haben neue Ideen, die Älteren die Erfahrung. Auch dieser Gedanke kommt mir wieder sehr bekannt vor. Mein bereits genanntes Beispiel belegt, dass eben jene Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Generationen bei uns schon verwirklicht ist. Wir müssen nicht noch umständlich „Senior Partners“ an uns binden, wie dies im Moment ein namhafter IT-Hersteller versucht. Wir haben unsere älteren und ältesten Ratgeber stets in unserer Mitte. Und gern helfen sie den Jüngeren bei Problemen und Fragestellungen.

Wo die Aktiven auf so viele Ältere stoßen, da muss doch eine Klüngelwirtschaft existieren – wird uns Korporierten immer wieder vorgeworfen. Doch was bedeutet dies konkret? Wir leben sehr gut miteinander, können viel Spaß gemeinsam haben und gegenseitiges Verständnis entwickeln. Dass man auf diese Weise auch andere Personen kennen lernt, ist eine meines Erachtens nach triviale Folgerung. Durch diese Kontakte entstehen selbstverständlich auch Netzwerke. Ich weiß, wen ich fragen kann, wenn ich ein Problem habe und Hilfe benötige. Dass dies nicht so selbstverständlich ist wie es uns erscheinen mag, belegen unter anderem die Tatsachen, dass es eigens auf Networking spezialisierte Internet-Plattformen wie z.B. www.openbc.com gibt und dass viele Trainer spezielle Seminare eben zu diesem Bereich Networking veranstalten, um den Menschen beizubringen, wie man mit anderen in Kontakt kommt und diese Kontakte pflegt. Dies klingt für mich so furchtbar nach Arbeit und Stress – dabei kann sich das Knüpfen von Netzwerken derart entspannend und gemütlich gestalten wie heute Abend: Bei einem schönen kühlen Bier sitzt man einfach zusammen und unterhält sich mit seinen Platznachbarn. Dafür brauche ich nun wirklich keine Spezialseminare und auch keine speziellen Managementtheorien!

Wichtig ist in diesem Zusammenhang noch ein anderer Punkt. Das Netzwerk Verbindung beschränkt sich zumeist nicht nur auf eine bestimmte Fachrichtung wie Betriebswirtschaftslehre oder Ingenieurwesen. Vielmehr treffen wir in unseren Schülerverbindungen auf ein ganzes Spektrum an Berufen und Qualifikationen – vom Arzt über den Geistlichen und den Juristen hin bis zum Versicherungskaufmann. So bietet sich gerade unseren Aktiven die Möglichkeit, in alle Bereiche etwas hineinzuschnuppern. Und wir Alten Herren erhalten die wunderbare Möglichkeit, auch andere Fachbereiche – und somit eventuell uns sonst verborgen gebliebene Chancen und Möglichkeiten – kennen zu lernen. Gerade dieser Blick über den eigenen Tellerrand hinaus in andere Bereiche, aber auch andere Zeiten und Denkweisen, ist heutzutage leider viel zu selten anzutreffen und entsprechend positiv anzusehen.

Es zeigt sich somit, dass die Alten Herren in einer Verbindung mit ihrer Korporationserfahrung wie auch mit ihrem anderweitigen Wissen einen wichtigen Bestandteil unserer Bünde darstellen. Weiterhin ist somit bei uns schon längst umgesetzt, was an anderer Stelle gerade erst neu entdeckt wird: Das Miteinander von Jung und Alt zum Wohle aller! 

Als letzten Punkt möchte ich noch einen Bereich ansprechen, der gerade bei der heutigen Jugend ein großes Problem darstellt. Wer will sich heute noch außerhalb der Schule engagieren, insbesondere seitdem das gymnasiale Schulsystem G 8 eingeführt wurde und die Schüler nachmittags Unterricht haben? Wer will sich noch engagieren, wenn er in seiner Freizeit auch viel Spaß haben kann, ohne dafür irgendetwas tun zu müssen? Dies kann eine große Gefahr für unsere Verbindungen darstellen, wenn der Nachwuchs in Form von Füxen ausbleibt. Da kann man nur diejenigen loben, die sich entscheiden, bei uns aktiv zu werden. SIE haben erkannt, dass sie bei uns viel fürs Leben lernen können, indem sie Veranstaltungen organisieren, in Conventen diskutieren und Führungsverantwortung in einer Gruppe übernehmen. Viele Unternehmen legen inzwischen sehr viel Wert auf derartiges außerschulisches Engagement und die dadurch entwickelten sozialen Kompetenzen. 

Zudem beschränkt sich der Wirkungskreis der Verbindungen nicht nur auf die eigenen Mitglieder, sondern geht zumeist darüber hinaus. So sind Stipendien oder Preisgelder für besonders gute Schüler der jeweiligen Schule/Universität keine Seltenheit, werden Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung und fachspezifische Vorträge angeboten.  

Viele Unternehmen würden sich glücklich schätzen, wenn sie ähnlich positiv auffallen könnten. Denn immer mehr Kunden[6] achten inzwischen verstärkt darauf, wie es die Anbieter mit dem Thema Corporate Citizenship halten, ob die Unternehmen also gute Bürger sind oder nicht. Vielfach werden für diesen Zweck große Summen ausgegeben, um ein gutes Ansehen in der Öffentlichkeit zu erwirken. Hierbei werden inzwischen sogar spezielle Anforderungskataloge von den Unternehmen aus- und anschließend abgearbeitet. 

All diese Punkte zeigen uns eines: Viele der aktuellen Managementkonzepte lassen sich bereits seit vielen Jahren und Jahrhunderten bei Korporationen nachweisen. Um auf die Anfangsfrage zurückzukommen: NEIN, Verbindungen stellen kein Auslaufmodell dar. Sie sind im Gegenteil sogar äußerst aktuell und ihrer Verantwortung für Gegenwart und Zukunft sehr wohl bewusst.

Ich hoffe, dass noch viele junge Menschen dies gleichfalls erkennen werden und wünsche den anwesenden Korporationen ein ewig währendes Vivat, Crescat, Floreat sowie einen stets gut gefüllten Fuxenstall!


[1] Der Begriff der Kosten ist hier umfassender anzusehen. Auch durch Mehrarbeit oder durch höhere Arbeitsintensität entstehen Kosten (Opportunitätskosten), denn diese Zeiten könnten von den Betroffenen auch anderweitig genutzt werden.

[2] Der Begriff der Transaktionskosten entstammt der Neuen Institutionenökonomik. Hierbei handelt es sich um vor- und nachvertragliche Kosten für Vertragsanbahnung, -koordination und –kontrolle. Als Substitut für Verträge seien in diesem Beispiel die Abmachungen bei der Aufgabenverteilung anzusehen.

[3] Da Englisch die Fachsprache im Bereich der Managementkonzepte ist, verwende ich auch die entsprechenden Termini, gebe mir aber Mühe, eine adäquate deutsche Übersetzung mitzuliefern.

[4] Es sei mir an dieser Stelle gestattet, dass ich diese Ideen nicht bis ins letzte Detail ausführe, sondern es bei einer Erwähnung belasse. Ansonsten würde der Rahmen dieses Vortrages gesprengt werden.

[5] Einen sehr guten Einblick zu dieser Problematik bietet folgendes Buch: Institut der deutschen Wirtschaft Köln (Hrsg.): Perspektive 2050 – Ökonomik des demographischen Wandels; Köln, 2004.

[6] Darunter sind große Konzerne und der deutsche Staat subsumiert.
 

 

Zurück zur Vortragübersicht