15 Jahre Deutsche Einheit

Festrede anlässlich des Kommerses zum Tag der Deutschen Einheit am 05.02.2005 von

AH Tröt

 

Hohes Präsidium,

Verehrte Festcorona,

Im Jahre 1949 begann, entstanden aus den Trümmern des Dritten Reiches und ausgelöst durch die aufkeimenden Spannungen zwischen den westlichen Alliierten und Russland, ein Kapitel der deutschen Geschichte, dessen wir heute gedenken wollen. Mit der Verabschiedung des bundesdeutschen Grundgesetzes am 23. Mai und der Verfassung der DDR am 07. Oktober waren zwei junge Staaten geschaffen, die zwar nach Einigkeit strebten, doch lange Zeit an ideologischen und bürokratischen Differenzen scheitern sollten.

Bereits 1952 unternahm Josef Stalin den ersten Versuch, eine Wiedervereinigung herbeizuführen, denn eben diese schlug er am 10. März den Westalliierten vor. Seine Forderungen waren allerdings hoch: Sie beinhalteten die völlige Neutralität des geeinten Deutschlands in politischer, vor Allem aber militärischer Hinsicht, eine Bedingung, mit der sich weder die westlichen Siegermächte, noch die Führung der Bundesrepublik abfinden konnten. Die Pläne für eine Einheit wurden auf unbestimmte Zeit verschoben, in der Hoffnung, bessere Konditionen aushandeln zu können.

Die Viermächtekonferenz 1954 konnte jedoch keine Differenzen beseitigen, vielmehr zeigte sie, dass die Siegermächte nicht mehr in der Lage waren, gemeinsame Ziele zu verfolgen. Der Beginn des Kalten Krieges und die weltweite Blockbildung machten konstruktive Verhandlungen über die Zukunft Deutschlands unmöglich. Und auch die beiden deutschen Staaten entfremdeten sich mehr und mehr: Die DDR war um ihre internationale Anerkennung bemüht, die ihr allerdings von der BRD verweigert wurde. Bereits 1949 hatte die westdeutsche Regierung erklärt, dass alleine die Bundesrepublik einen Anspruch auf politische Vertretung des deutschen Volkes habe. Fünf Jahre lang hatten sich die Fronten verschärft, nun entschied die SED im August 1961 die Abriegelung der Grenzen. Generalsekretär Walter Ulbricht unterzeichnete die entsprechenden Befehle am 12. August, bereits am nächsten Tag begann unter der Leitung Honeckers der Bau des ›antiimperialistischen Schutzwalls‹, der nicht nur Deutschland und die Stadt Berlin, sondern auch Freunde und Familien auseinander riss.

Hiermit war die Deutsche Teilung vollzogen. Auch deutete nichts darauf hin, dass man in naher Zukunft einen gemeinsamen Nenner finden und sich wieder annähern könne. 1967 beschloss die DDR eine eigene Staatsbürgerschaft, und im nächsten Jahr verschwanden alle Absätze über eine mögliche Wiedervereinigung aus der neuen, nun deutlich sozialistischen Verfassung Ostdeutschlands. Das deutsch-deutsche Treffen in Erfurt zwischen Bundeskanzler Willi Brandt und dem DDR-Ministerpräsidenten Willy Stoph am 19. März 1970 brachte keinerlei Erfolg: Man stellte lediglich fest, dass die Differenzen erheblich waren und eine Kooperation nur in sehr bedingtem Rahmen stattfinden konnte.

Während der 28. UNO-Vollversammlung im Jahr 1973 wurden sowohl die Deutsche Demokratische Republik als auch die Bundesrepublik in die Staatengemeinschaft aufgenommen: Die Welt hatte sich mit der Teilung abgefunden.

Nicht so jedoch das deutsche Volk. Während sich im Westen die Forderungen nach der Wiedervereinigung weitgehend auf Wahlprogramme und einen Paragraphen im Grundgesetz beschränkten, gingen im Osten die Menschen auf die Straße, denn eine parlamentarische Opposition war nicht möglich.

Bereits 1953 war, als Reaktion auf eine Normerhöhung für Bau- und Industriearbeiter, Unruhe entstanden. Während eines Streiks in Ostberlin am 16. Juni und dem Generalstreik in allen großen Städten am nächsten Tag forderten die Demonstranten neben der Rücknahme der neuen Bestimmungen auch den Rücktritt Walter Ulbrichts, freie Wahlen und die Wiedervereinigung. Die Kundgebungen wurden gewaltsam von der Sowjetischen Armee aufgelöst.

Später, in den 80er Jahren, wurden die Montagsdemonstrationen ein Begriff: Unterstützt von der evangelischen Kirche gingen Zehntausende in den größeren Städten, vornehmlich in Leipzig, auf die Straße, um Bürgerrechte einzufordern.

Am 04. November 1989 demonstrierte eine Million Menschen in Ostberlin: Sie forderten weitreichende Reformen, so die Abschaffung des Machtmonopols der SED, freie Wahlen, Presse-, Meinungs- und Reisefreiheit und nicht zuletzt auch die Einheit Deutschlands. Es war die größte nicht-staatliche und genehmigte Demonstration in der Geschichte der DDR.

Am 09. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Fast jeder dürfte sich an die Bilder in den Medien erinnern: Unzählige Menschen, die auf dem Grenzwall tanzten und durch die neu geschaffenen Übergänge des Brandenburger Tors drängten. Familien wurden zusammengeführt, westdeutsche Polizisten und Ostberliner Grenzwachen reichten sich die Hände. Die Euphorie war groß, und um so größer, als die gewaltigen Ströme von Ausreisenden an vielen wichtigen Grenzposten nicht mehr aufgehalten wurden. Es begann eine Reisewelle, die erst nach zwei Tagen halbwegs unter Kontrolle gebracht werden konnte.

Es war nun offensichtlich, dass eine Lawine ins Rollen gekommen war, die man nicht mehr aufhalten konnte: Deutschland hatte begonnen, ein düsteres Kapitel seiner Geschichte hinter sich zu lassen.

Schon einen Monat nach dem Fall der Mauer trat die gesamte SED-Spitze zurück, am 18. März 1990 fanden erstmals freie Wahlen in der DDR statt, bei der sich die Bürger unter 24 Parteien und Gruppierungen entscheiden konnten.

Am 22. August 1990 schließlich beschloss die Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik den Beitritt zur BRD. Mit Zustimmung der Alliierten wurde der Termin für den Dritten Oktober festgesetzt. 

Morgen jährt sich die Wiedervereinigung Deutschlands zum fünfzehnten Mal. Dieses Datum ist von großer historischer Bedeutung für unser Vaterland, und so ist es wichtig und angemessen, ihn jedes Jahr aufs Neue feierlich zu begehen. Der Tag der Deutschen Einheit sollte für uns Deutsche das sein, was den Amerikanern der Independence Day und den Franzosen der Sturm auf die Bastille bedeutet. Er steht symbolisch für das Streben nach Freiheit und Glück aller Bürger unseres Landes.

Seit nunmehr fünfzehn Jahren ist Deutschland geeint, doch ist es auch einig?

Die Neue Presse schrieb am letzten Dienstag:

»Ossis und Wessis gleichen sich an – den Menschen in West und Ost sind zunehmend dieselben Werte wichtig. Die einst sehr großen Unterschiede haben sich nach einer neuen Studie innerhalb der vergangenen sechs Jahre verringert. Auf gleicher Welle befinden sich Ossis und Wessis etwa bei der hohen Wertschätzung von Familie und Freizeit. Unterschiedlich bewertet man noch die Themen Leistung und Sicherheit.«

Dieser kurze Absatz mag das Gefühl vermitteln, dass die ideologischen und weltanschaulichen Differenzen zwischen West und Ost Vergangenheit seien. Leider muss ich dies einschränken: Gerade die politischen Ereignisse der Gegenwart zeigen, dass von einer wirklichen Angleichung kaum eine Rede sein kann. Das erstaunlich gute Abschneiden der Linken/PDS in den neuen Bundesländern, das die Partei von Gysi und Lafontaine zur viertgrößten Fraktion des Bundestages macht, führt uns dies deutlich vor Augen. Aufgrund der verhältnismäßig hohen Arbeitslosigkeit und der daraus resultierenden sozialen Unsicherheit bieten viele Regionen der neuen Länder, besonders die halb verfallenen Plattenbausiedlungen der größeren Städte, einen Nährboden für extreme und auch radikale politische Ansichten in jeder denkbaren Richtung. Diese Problematik besteht seit fünfzehn Jahren und wird auch in naher Zukunft nicht einfach verschwinden, denn dies setzt eine effiziente Erforschung und Bekämpfung der Ursachen voraus.

Des Weiteren war vorgestern zu lesen, ebenfalls in der Neuen Presse:

»Studie: Ossis und Wessis kommen sich näher – Nach 15 Jahren Einheit sind sich die Deutschen in Ost und West sympathischer geworden. ‚Die Zeit der grobschlächtigen Vorurteile ist vorbei’, zitierte Focus Online gestern den Leipziger Wissenschaftler Elmar Brähler. Im Gegensatz zu einer früheren Studie von 1996 sei das Bild voneinander diesmal ‚sehr ausgeglichen’. Vor allem die Ostdeutschen würden freundlicher über die Wessis denken und sie zum Beispiel ‚nicht mehr als so unmoralisch’ empfinden. Die Westdeutschen dagegen hielten die Ossis inzwischen für ‚geschickter und weniger unbeholfen’. Insgesamt seien sich die Menschen in Ost und West heute näher als vor 10 Jahren.«

Näher gekommen sind wir uns bestimmt, aber wie weit? Noch heute hört man dieselben Vorurteile: Ossis schimpfen auf egoistische und raffgierige Kapitalisten aus dem Westen, Wessis hingegen auf arbeitsscheue und fachlich völlig inkompetente Alt-Kommunisten in den neuen Ländern. Die einen fordern mehr Unterstützung und zusätzliche Mittel für den Aufbau Ost, die Anderen ärgern sich immer wieder über den Solidaritätsbeitrag und würden am liebsten gar nichts mehr bezahlen. Und kaum glaubt man, die wenig geistreichen und noch weniger lustigen Ossi-Witze der Neunziger seien endgültig verschwunden, als unser Ministerpräsident Edmund Stoiber im Rahmen seines Wahlkampfs der Bevölkerung der Neuen Bundesländer die Befähigung zu überlegten politischen Entscheidungen abspricht.

Einer Umfrage der Forsa zufolge wünschen sich 21 Prozent der Deutschen, die Mauer wäre nie gefallen und alles beim Alten geblieben. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Zahl stimmen kann, denn Jahrzehntelang war die Wiedervereinigung geradezu eine Sehnsucht der Deutschen, und je weiter sie entfernt schien, um so inniger wünschte man sie sich herbei. Über den wirtschaftlichen Erfolg der Deutschen Einheit mag man sich streiten, aber wer die Euphorie vor dem Brandenburger Tor miterlebt hat, wer Verwandte und Freunde auf der anderen Seite der Grenze hatte, der kann nicht ernsthaft bestreiten, dass die Wiedervereinigung uns in kultureller und ideologischer Hinsicht viel gegeben hat und noch geben kann. Meiner Ansicht nach ist sie trotz aller berechtigten Kritik eines der erfreulichsten Ereignisse der deutschen Geschichte, und sie zu erhalten, sollte uns manches Opfer wert sein.

Leider sehen das nicht alle so. Tatsächlich müssen wir damit rechnen, dass der Tag der Deutschen Einheit irgendwann aus den Kalendern und damit auch aus den Köpfen und Herzen verschwinden wird. Leider machen angesichts eines desolaten Bundeshaushalts die Sparpläne der großen Parteien auch vor Feiertagen nicht halt, und vor einigen Monaten wurde ernsthaft darüber diskutiert, dass der Rotstift auch hier angesetzt werden könnte.

Ich halte diesen Schritt für verfrüht und in der aktuellen Lage deutlich deplaziert. Die Wiedervereinigung ist mit dem Mauerfall noch nicht erledigt, sondern sie ist ein Prozess, der noch heute läuft und uns wohl noch jahrzehntelang beschäftigen wird. Erst die Generation nach uns, die niemals eine Teilung erlebt hat, wird vielleicht in der Lage sein, die alten Vorurteile endgültig abzuschütteln und Deutschland als ein untrennbares Ganzes zu betrachten. Unsere selbstgewählte Aufgabe als Korporierte ist es, deutsche Kultur und Tradition zu erhalten: Lasst uns also daran arbeiten, dass die Bedeutung des 3. Oktobers 1990 nicht in den Schatten der Geschichte versinkt. Die Einheit haben wir, doch ob eine Einigkeit entstehen und Bestand haben kann, das liegt bei jedem von uns.

So möchte ich schließen mit den Worten von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der am 26. August 1891 dichtete: 

Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland!

Danach lasst uns alle streben, brüderlich mit Herz und Hand!

 

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