ZUR GESCHICHTE UNSERES HAUSES

Festrede anlässlich des 88. Stiftungsfestes am 26.08.2008 von

AH Bosi

Hohes Präsidium, werte Festcorona!

Seit nun mehr vier Jahren darf sich unser Bund glücklich schätzen, ein Verbindungshaus sein Eigen zu nennen, was für Coburg wahrlich keine Selbstverständlichkeit ist. Mit dem Ernst-Albertiner-Haus ist uns, 84 Jahre nach der Gründung unseres Bundes, ein Gebäude in den Schoß gefallen, welches an einem der schönsten Flecken der Stadt errichtet wurde. Über die Geschichte des Hauses habe ich bereits in gekürzter Form geschrieben und meine lieben Bundesbrüdern im vergangenen Jahr daran teilhaben lassen. Nun ist Geschichte nicht immer etwas Trockenes sondern auch etwas Erheiterndes. So entdeckte ich bei der intensiveren Untersuchung der Geschichte des Ernst-Albertiner-Hauses zahlreiche Kuriosa, die nicht in der offiziellen Chronik zu finden sind.

Die Anfänge des Hauses liegen dabei im Jahre 1860. Damals gehörte das Grundstück dem Coburger Oberfinanzrat Albert Schnür, dessen Familie zu jener Zeit zur gehobenen Coburger Bürgerschicht, die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, im Zeitalter des Biedermeier entwickelte, gehörte. Das Bürgertum kultivierte damals das Privat- und Familienleben in ganz neuem Ausmaß. Nicht die Repräsentation stand im Vordergrund, sondern das häusliche Glück in den eigenen vier Wänden, die zum Rückzugsort wurden. Bürgerliche Tugenden wie Fleiß, Ehrlichkeit, Treue, Pflichtgefühl und Bescheidenheit wurden zu allgemeinen Prinzipien erhoben. Die Geselligkeit wurde in kleinem Rahmen gepflegt, beispielsweise beim Kaffeekränzchen, am Stammtisch, oder bei der Hausmusik. In diesem Umfeld lebte auch Albert Schnür, der Zeit seines Lebens Junggeselle geblieben war. Um die Enge der Coburger Innenstadt, wenigstens in den Sommermonaten, zu entfliehen, entschloss sich der begeisterte Natur- und Gartenfreund schließlich, das Areal auf dem Adamiberg zu kaufen. Dort konnte er als Mitglied des Gartenbauvereins seine Vorstellungen nun verwirklichen. Er musste jedoch sich verpflichten, die auf seinem Grundstück befindlichen Eichen-, Buchen- und Kastanienbäume nicht zu fällen, eine Vorgabe, an die auch die Nachfolger im Gartenbesitz gebunden waren, und so stehen noch heute einige Exemplare aus dieser Zeit hier in der Nähe.

Nach 1860 erweiterte Albert Schnür sein Grundstück nach Norden und ließ sich dort 1862 vom Baumeister Paul Gehrlicher einen Pavillon im neuromanischen Stil errichten, welchen er schließlich sein „Sommerschlösschen“ nannte. Der Pavillon an sich sollte zu jener Zeit einen gewissen Bildungsanspruch des Coburger Großbürgertums verdeutlichen, das hier einen gesellschaftlichen Mittelpunkt erhalten sollte – und tatsächlich sah die Raumaufteilung mit einem großen Salon, mit Blick auf Coburg und drei kleineren Räumen im ersten Obergeschoss sowie einer offenen Terrasse im Erdgeschoss, dem so genannten „Sala terrena“, eine solche Konzeption vor. Damit war die Zurückhaltung der Bürgerschaft, wie sie noch in der Biedermeierzeit zelebriert wurde, endgültig auch in Coburg aufgegeben worden. So lud Schnür seine Freunde vom Gartenbauverein zu sich ein, damit diese sich das Grundstück anschauen und begutachten konnten. Tatsächlich wurden bei gutem Bier und frisch gebratenen Coburger Rostbratwürsten Gespräche geführt und Erfahrungen ausgetauscht. Erst bei Einbruch der Dunkelheit ging man zurück in die Stadt.

Albert Schnür konnte sich jedoch nicht lange an seiner Idylle erfreuen, denn er starb bereits 1866 und so erbte dessen Bruder Georg Schnür das Anwesen. Dieser war ebenfalls eine stadtbekannte Persönlichkeit und stieg in seinem Beruf als Jurist zum Kreisgerichtsdirektor auf. In ihm war auch der richtige Nachfolger für das Areal gefunden, denn auch er fand Gefallen an dem Grundstück. Die Familie Schnür verweilte in ihrem Garten höchstwahrscheinlich nur an den Wochenenden und lud Bekannte und Verwandte zu geselligen Abenden ein, wodurch der Pavillon zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt Coburgs wurde. Das neue Gartenhaus, inzwischen als „Schnür´s Pavillon“ bekannt, war für längerfristige Aufenthalte nicht ausgelegt. Dies belegt ein Protokoll der Kämmerei des herzoglichen Staatsministeriums. Es ging hierbei um eine Steuersache, denn Schnür erklärte dazu: „Bezüglich der Heizvorschriften bemerke ich, dass der Pavillon im Saal einen weißen Porzellanofen enthält, der bloß zur Dekoration bestimmt ist.“

Dies scheint aber die Unwahrheit gewesen zu sein, denn laut den Planzeichnungen Paul Gehrlichers war es möglich, den Porzellanofen anzuschüren. Das Schürloch selbst konnte bei den Renovierungsarbeiten vor 4 Jahren wieder entdeckt werden. So muss man wohl zum Schluss kommen, dass Schnür hier einer Steuerhinterziehung begangen hat. 1887 starb Georg Schnür und so ging der Garten im Erbgang an seine beiden Kinder, welche jedoch nicht mehr in Coburg ansässig waren. So wurde der berühmteste Spross der Familie auch nicht in Coburg, sondern 1869 auf Gut Wegezin in Pommern geboren, nämlich die Enkelin Georg Schnürs, Marie. Sie heiratete 1907 den bekannten deutschen Maler Franz Marc und obwohl die Ehe nach nur einem Jahr wieder geschieden wurde, machte sich Marie Schnür in der Münchener Künstlerszene ebenfalls einen Namen als Malerin. Ob sie Coburg und dieses Haus jemals betreten hat, lässt sich nur vermuten aber nicht bestätigen.

Die Kinder Schnürs aber benutzten den Garten nicht mehr. Stattdessen öffneten sie, auf Betreiben des Vereins zur Hebung des Fremdenverkehrs in Coburg, versuchsweise an bestimmten Zeiten ihre Gartenanlage für Fremde und Interessierte, wodurch laut der Coburger Zeitung „einer der schönsten Aussichtspunkte Coburgs Fremden und Einheimischen zugänglich gemacht“ wurde. Die meisten Besucher des Gartens waren, laut der Zeitung, von der Schönheit des Gartens begeistert. 1889 ging die Ära Schnür mit dem Verkauf des Anwesens auf dem Adamiberg endgültig zu Ende, doch es sollte noch eine glanzvollere Epoche folgen. Im selben Jahr nämlich erwarb der Coburger Theatermaler Professor Friedrich Lütkemeyer von den Schnür´schen Erben das Gartengrundstück für rund 22.000 Goldmark (entspricht rund 200.000 Euro). Lütkemeyer verbrachte dort vor allem die Wochenenden und ruhte sich dort von seiner Arbeit aus. Er selbst nannte das Gartenhaus sein „Tusculum“ und genoss von dort aus Natur und Landschaft.

In den folgenden Jahren sollten dort zahlreiche Feste stattfinden, wovon auch die regionale Presse berichtete. So schrieb das Coburger Tageblatt in seiner Ausgabe vom 27. Juli 1892: „Herr Lütkemeyer gab seinen vielen Freunden und Bekannten im ehemaligen Schnürsgarten am Adamiberg, „dem dreifachen Eden“, ein Sommerfest, welches sich bei hereinbrechender Dunkelheit durch eine prächtige Illumination auszeichnete. Die der Stadt zugewandte Ostseite des herrlich gelegenen Gartens erstrahlte in einem Lichtmeer, wie man es nur selten zu sehen bekommt. Das Arrangement gewährte einen feenhaften Anblick und viele hunderte von Spaziergängern wurden durch denselben derartig gefesselt und bezaubert, dass sie stundenlang am Fuße des Berges lustwandelten. Besonderen Reiz gewährte auch die magische Beleuchtung des Gartens durch Grün- und Rotfeuer. Fast in ununterbrochener Folge hörte man auch die lustigen Weisen einer konzertierenden Kapelle. Die Witterung war der fröhlichen Gesellschaft besonders hold.“

So setzen sich die Artikel in den folgenden Jahren auch fort, wodurch die Stellung des Gartens in Coburger Gesellschaft noch heute bewusst wird. Den Schnürsgarten ließ der Theatermaler allerdings nur leicht verändern. Es wurden u.a. zwei Sandsteinfiguren im Rokokostil aufgestellt, welche Lütkemeyer aus einem Garten in der Bahnhofstraße erworben hatte, wo diese angeblich in der Erde vergraben waren.

In einem Bericht über einen Ausflug des Thüringerwald-Vereins um 1910, schwärmte dieser von den „Skulpturen, Gemälden,, Hunderten von blühenden Alpenveilchen in den Büschen, uralten Eichen, von Früchten schwer gebeugten Bäumen.“ Der damalige Vorsitzende des Thüringerwald-Vereins Emil Rädlein sagte sogar beim Blick auf die Stadt von der Terrasse des Pavillons: „Mei Coburg ist a Paradies.“ Es scheint also aus heutiger Sicht, dass der Garten den Zenit seiner Schönheit erreicht hatte, doch keiner konnte ahnen, dass diese Schönheit bald der Vergangenheit angehören sollte. Als letztes großes Fest fand im Pavillon der 70. Geburtstag Friedrich Lütkemeyers im Jahre 1912 statt. Wenige Wochen später starb der Theatermaler. Daraufhin entfachte sich zwischen den Kindern des Theatermalers ein verbitterter Streit um das Erbe. In dieser Zeit verwilderte die Gartenanlage immer mehr. Erst 1916 einigten sich die Erben auf einen Verkauf des Anwesens an die Niederfüllbacher Stiftung, welche das Grundstück allerdings im Jahr darauf an die Stadt Coburg weiter veräußerte. Just in jenem Jahr als sich unser Bund gründete begann die Stadt damit, das Ernst-Albertiner-Haus im Inneren notdürftig umzubauen und daraus Sozialwohnungen zu machen. So wurde z. B. der Salon des Pavillons durch eine einfache Holzwand in dessen Mitte geteilt. Grund hierfür war, dass man in dem Pavillon zwei Mietparteien einquartieren wollte.  

Trotz dieser Umbaumaßnahmen waren die Lebensverhältnisse auf dem Adamiberg schlecht geblieben. Das Gebäude besaß keinen eigenen Wasseranschluss, geschweige denn einen Kanalanschluss. Das Wasser musste aus einem Pumpbrunnen geholt werden und zum Wäschewaschen benutzten die Bewohner ein Waschhaus, welches an dem Hause Adamiberg 3 angebaut wurde und in dem heute die Toiletten des Minigolfplatzes untergebracht sind. Über diesen Zustand beklagten sich schließlich die Mieter der Gartenhäuser in einem Brief an die Stadt im Jahre 1930. Darin baten sie um eine Renovierung des Waschhauses, da dieses sehr baufällig gewesen wäre. Außerdem wurde moniert, dass die Mieter ca. 150 Meter weit das Wasser von dem Pumpbrunnen zum Waschhaus, bei schlechten Wegen, tragen müssten. Die Bewohner hofften damals auf eine Besserung ihrer Verhältnisse, zu dem es auch dann kam.

Bereits vorher hatte die Stadt, als Ersatz für den fehlenden Kanalisationsanschluss, im Garten eine mit Zement verputzte Grube ausgehoben, in der der Unrat einige Zeit gelagert wurde. Zum täglichen Überleben legten die Bewohner in der ehemaligen Parkanlage einige Hasen- und Geflügelställe an, die sich u.a. an der Nordseite des Schnür´schen Pavillon befanden.

Aus dieser Beschreibung heraus ist noch heute deutlich zu erkennen, dass auf dem Adamiberg mehrheitlich nur Menschen aus verarmten Verhältnissen lebten, denn ein Anderer hätte wohl bei dieser Situation nicht dort oben wohnen wollen. Ein Brief des Kaufmanns Willi Schulze an die Stadt vom 8. Juni 1929 belegt diese Annahme. Schulze war seinerzeit Eigentümer des Hauses Adamistraße 3, welches im Osten an den Schnürsgarten grenzte und das im Rahmen des Ausbaus der Stadtautobahn im Jahre 1974 abgerissen wurde. Der Kaufmann schrieb damals: „Es scheinen in den Notwohnungen dort oben recht eigentümliche Menschen zu wohnen, denn alles alte Gerümpel und Töpfe werden gegen den Zaun geworfen und fallen in meinen Garten.“ Dieser Sachverhalt konnte allerdings nie aufgeklärt werden, da die Mieter den Vorgang bestritten. Trotzdem gibt dieser Brief einen Einblick über die damalige Situation am Adamiberg wieder, der uns heute unvorstellbar erscheint.

Im Dezember 1940 veröffentlichte das Stadtplanungsamt einen Vorschlag für den Bau eines NS-Kreisforums und einer dazugehörigen Festhalle für 10.000 Personen auf dem Judenberg.   Um die zahlreichen Besucher der Festhalle dorthin zu geleiten, war eine Bahnunterführung südlich des Coburger Bahnhofs angedacht worden, die die Leute über einen Treppenweg, der vom Adamiberg hinunter zur Adamistraße gebaut worden wäre, zum Kreisforum hätte führen sollen. Dabei wäre der Schnürsgarten wahrscheinlich völlig umgestaltet worden und das Ernst-Albertiner-Haus dem Treppenbau zum Opfer gefallen. Durch die sich verschlechternde Kriegssituation kam dieses Vorhaben jedoch nicht über den Planungsstatus hinaus. Das bedeutete gleichzeitig auch, dass alles beim Alten blieb.

Erst in den fünfziger Jahren tat sich wieder etwas in der ehemaligen Gartenanlage und das war inzwischen auch nötiger den je, wie ein Artikel der Neuen Presse aus dem Jahre 1956 bewies,  wo von Trostlosigkeit und einem Urwaltdickicht die Rede war. 1959 erfolgte eine Sanierung des Gartenhauses, nachdem bereits Teile des Putzes herab gefallen waren. Dabei wurde der „überflüssige Zierrat“, wie es damals ausgedrückt wurde, größtenteils entfernt und an der Westseite des Pavillons ein Anbau errichtet. Auf einen Wasser- und Kanalanschluss verzichtete man jedoch, sodass mit der Zeit die Stadt das Gebäude nicht mehr vermieten konnte, ohne viel Geld zu investieren. So stand das Ernst-Albertiner-Haus Anfang der siebziger Jahre auch leer. Man diskutierte über dessen Abbruch, bzw. vielleicht dort aufgrund der schönen Aussicht ein Cafe einzurichten. Erst 1975 fand sich mit der Studentenverbindung T.V. Coburgia zu Coburg ein Interessent, der bereit war, das Haus zu mieten und die notwendigen Renovierungsarbeiten durchzuführen. Die T.V. Coburgia konnte damit überhaupt als erste Verbindung in Coburg eine eigene Konstante vorweisen, die sie bis 2003 rege nutzte. Nach langen Verhandlungen mit der Stadt Coburg gelang es unserem Bund schließlich 2004, das Ernst-Albertiner-Haus zu mieten. Es mussten allerdings zahlreiche Renovierungsmaßnahmen vorgenommen werden. An dieser Stelle sei der damaligen Aktivitas unter der Leitung des Erstchargierten Philipp Haugwitz v. Lösch sowie ihrer zahlreichen Unterstützer gedankt, die in zahlreichen Stunden das Haus auf Vordermann gebracht haben, um uns Bundesbrüdern ein gemütliches Zusammensein in einem eigenen Kneipsaal zu ermöglichen. Mit einer großen Einweihungskneipe am 27. November 2004 konnte das Ernst-Albertiner-Haus feierlich seiner neuen Bestimmung übergeben werden. In der Folgezeit erfolgte auch die Instandsetzung der Grünanlage, womit ein wunderschöner Flecken Erde, wiederauferstanden ist, von dem Jean Paul einst schon sagte: „Ich schreibe hier auf dem Adamiberg, wahrscheinlich dem einzigen, der nicht mit dem Paradies versank.“

 

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