DIE DEUTSCHE EINHEIT IN ZAHLEN

Festrede anlässlich des Kommerses zum Tag der Deutschen Einheit am 02.10.2008 von

AH Nuschl

Hohes Präsidium, verehrte Festcorona,

das Thema meiner heutigen Rede lautet „Deutsche Einheit in Zahlen“. Ich möchte einige Fakten zur Deutschen Einheit mit – hoffentlich aussagekräftigen Zahlen – beleuchten und auch einige Vergleiche anstellen.

18 Jahre wird sie nun alt, die Deutsche Einheit, und ist damit volljährig geworden. Volljährig zumindest nach deutschem Recht. In einigen Ländern liegt das Volljährigkeitsalter bei 21, in Kirgistan, Usbekistan, Turkmenistan, Nepal und Schottland aber schon bei 16. Aber schweifen wir nicht zu weit ab. Was hat uns die Deutsche Einheit gebracht? Zunächst einmal hat Deutschland fünf neue Bundesländer mit rund 16 Millionen Einwohnern dazugewonnen. An Fläche sind es rund 108.000 km². Das entspricht ca. der 1,5fachen Fläche Bayerns oder der 190fachen Fläche des Freistaates Coburg.

Angefangen hat die Deutsche Einheit ja bekanntlich mit Massenfluchten und Demonstrationen in der DDR. Eine der größten Demonstrationen fand am 9. Oktober 1989 in Leipzig statt. Hier hörte man auch erstmals von rund 70.000 Menschen (was der Einwohnerzahl des Freistaates Coburg entspricht) den Ruf „Wir sind das Volk“. Am 9. November 1989 teilte das Politbüro der DDR mit, dass die Grenzen geöffnet seien; am 3. Oktober 1990 wurde dann die Einheit vollzogen. Und dazwischen? Immerhin 328 Tage.

Zunächst – wie bereits erwähnt – wurden am 9. November 1989 die Grenzen geöffnet. Die Mauer – 167,8 km lang – fiel damit nach rund 28 Jahren und 88 Tagen. Am 3. Dezember 1989 tritt das SED-Politbüro geschlossen zurück. Am 15. Januar 1990 wird die Stasi-Zentrale in Ostberlin von 2.000 Demonstranten gestürmt. Vor dem Gebäude demonstrieren 100.000 Leute – immerhin die Einwohnerzahl Erlangens. Am 18. März finden die ersten freien Wahlen statt, die konservative Allianz mit der CDU geht als Sieger hervor, Lothar de Maiziere wird Ministerpräsident. Am 5. Mai beginnen die ersten 2+4-Gespräche. Am 18. Mai wird der Staatsvertrag unterzeichnet, der Währungs-, Wirtschaft- und Sozialunion festlegt. Am 1. Juli 1990 tritt die Währungsreform in Kraft, die Deutsche Mark wird offizielles Zahlungsmittel – hierzu gleich mehr. Am 2. Juli beginnen Verhandlungen zum Einheitsvertrag, der am 31. August unterzeichnet wird. Am 24. September tritt die DDR aus dem Warschauer Pakt aus, das vereinte Deutschland bleibt laut Beschluss vom 16. Juli NATO-Mitglied. Am 1. Oktober erhält Deutschland die volle Souveränität und zum 3. Oktober erlöschen die alliierten Vorbehaltsrechte für Berlin. Mit dem 3. Oktober wird die Deutsche Einheit vollzogen.

Wie bereits erwähnt, fand am 1. Juli 1990 die Währungsreform statt. Die Mark der DDR wurde durch die Deutsche Mark ersetzt. Der Umtauschkurs betrug dabei 2:1 bzw. 1:1 für Löhne und laufende Kosten. Doch was war die Ostmark wirklich wert? Dazu einige Beispiele: Ein Brötchen kostete 5 Pfennig, eine kWh Strom 8, eine Flasche Club-Cola 42; ein Liter Normalbenzin kostete 1,50 M, eine Schachtel Zigaretten 3,20 M, ein Schultaschenrechner 123 M, ein Walkman rund 1.000 M, ein Fernseher zwischen 4.500 und 6.000 M, ein Trabant 12.000 M und ein Volvo 224 (der freilich erst Mitte der 80er erstmalig eingeführt wurde) ca. 45.000 M. Die Preise für Nahrungsmittel und ähnliches waren seit dem Weltkrieg eingefroren. Dafür waren Luxusartikel (Autos, Fernseher etc.) eher dem Markt angepasst. Dabei darf man aber nicht aus den Augen verlieren, dass der Netto-Monatslohn 1990 bei 1290,33 M lag. Renten lagen 1988 zwischen 300 und 600 M.

Und was blieb von dem Geld übrig? Das, was bis heute umgetauscht wurde, wurde vernichtet. 4.500 Tonnen Münzen wurden eingeschmolzen, Papiergeld, Sparbücher und ähnliches (rund 3.000 Tonnen) wurden bei Halberstadt eingelagert, nach Diebstählen aber im Jahre 2002 verbrannt.

Und welche Altlasten blieben sonst noch übrig? Viele Tonnen Schrott der Berliner Mauer und der innerdeutschen Grenzanlagen. Apropos Grenzanlagen: Neben den 167,8 km Berliner Mauer gab es da ja noch 870 km Grenzzaun mit 440 km Selbstschussanlagen, 230 km Minenfeldern, 602 km Sperrgräben und 434 Beobachtungstürmen. Hier macht sich der Wahnsinn des Systems bemerkbar: Die Grenze war ja vor allem nach innen gerichtet. Während von 1949 bis 1989 nur 200.000 Westdeutsche in die DDR übersiedelten, flüchteten in der gleichen Zeit rund 2 Millionen DDR-Bürger in die BRD. Und bei der Flucht kamen auch zahlreiche Menschen ums Leben: 255 an der Berliner Mauer, 371 am Grenzzaun, 189 in der Ostsee. Insgesamt waren es ca. 872. wobei hier die Zahlen stark schwanken: Zwischen 270 offiziellen Todesfällen bei der Staatsanwaltschaft Berlin, über 421 bei der Zentralen Ermittlungsgruppe Regierungs- und Vereinigungskriminalität bis hin zu 1008 bei der Gruppe „13. August“. Bei letzterer sind freilich auch umgekommene Grenzsoldaten und Selbstmorde nach erfolglosen Fluchtversuchen mitgezählt.

Auch waren der DDR-Regierung ihre Bürger oder vielmehr die Eingrenzung im Land viel wert: Allein der Bau kostete ca. 1,822 Milliarden Mark (davon 400 Millionen für die Berliner Mauer). Die laufenden Kosten beliefen sich auf 500 Millionen für die Grenzsoldaten und 38 Millionen für die Passkontrolleinheiten des Ministeriums für Staatssicherheit – im Jahr! Für die Grenzüberwachung wurden 40.000 Soldaten abgestellt – etwa soviel, wie die Stadt Coburg Einwohner zählt.

Und was hat uns die Einheit gekostet (sofern man dies in diesem Zusammenhang überhaupt sagen kann)? Seit 1990 sind rund 1,5 Billionen Euro an Transferleistungen geflossen. Kleine Projekte, wie zum Beispiel das Verkehrsprojekt Deutsche Einheit (zu dem unter anderem die A 73 gehört) haben da „nur“ 38 Milliarden Euro gekostet. Wie setzen sich nun diese Transferleistungen zusammen? Im Jahr 2003 wie folgt: Der Großteil der 116 Milliarden Euro ging in die Sozialausgaben, nämlich 45 % oder 52 Milliarden. 24 Milliarden für den Länderfinanzausgleich, 15 Milliarden in die Infrastruktur und 10 in die Wirtschaftsförderung. Zieht man hier die Steuereinnahmen von 33 Milliarden Euro ab, erhält man einen jährlichen Nettotransfer von 83 Milliarden Euro. Während in Westdeutschland die Sozialleistungen rund 30 % des Bruttoinlandsproduktes ausmachen, sind es in Ostdeutschland rund 50 %.

Und heute? Immerhin halten noch 73 % der über 35-jährigen Ostdeutschen den Sozialismus für eine gute Idee, auch wenn diese bis jetzt nur schlecht umgesetzt wurde. Und 61 % wünschen sich zumindest einige Dinge aus der DDR wieder zurück. Ebenso viele wünschen sich mehr Verständnis der Westdeutschen für ihre Situation. Besonders die soziale Gerechtigkeit war für viele – nämlich 73 % - in der DDR besser. Für ebenso viele übrigens auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die meisten Ostdeutschen sind sich aber einig, dass es in der DDR eine bessere soziale Absicherung gab – nämlich 93 %. Diese nehmen aber ab, sobald man die jüngere Generation fragt.

Aber was weiß die junge Generation über die DDR? Hier einige Zahlen aus einer Umfrage unter 16- und 17-jährigen Schülern. Während noch 75 % der Westdeutschen und 50 % der Ostdeutschen die DDR für eine Diktatur mit Bürgerüberwachung halten, denken rund 70 % der ostdeutschen Schüler, dass die Regierung durch Wahlen legitimiert wurde (im Westen sind es immer noch 50 %). Auch die Schulbildung spielt hier eine Rolle: Während Gymnasiasten die Aussage der Legitimation durch Wahlen zu 50 % widersprachen, waren es bei Haupt-, Real- und Gesamtschule nur rund 30 %. 75 % der Ostdeutschen findet es gut, dass in der DDR jeder einen Arbeitsplatz hatte, obwohl der Staat die Löhne bestimmte und es nur geringen Wohlstand gab (hier stimmten übrigens besonders viele Gesamtschüler zu). Auch rund 67 % finden es gut, dass sich der Staat um alle Bürger kümmerte – eine Einschränkung der Freiheit würden sie dafür in Kauf nehmen.

Besonders auffällig an diesen erschreckenden Erkenntnissen ist, dass die Schüler der DDR an sich positiver gegenüberstanden, je weniger sie über sie wussten. Darum sollte es unsere Pflicht sein, vorrangig unseren jungen Bundesbrüdern, aber auch allen anderen, die Jahre zwischen 1949 und 1990 näher zu bringen. Wollen wir heute die Deutsche Einheit feiern, aber die Geschichte nicht vergessen.

 

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