FREUNDSCHAFT

Festrede anlässlich des 89. Stiftungsfestes am 25.07.2009 von

AH Bosi

Hohes Präsidium, verehrte Festcorona.

Das Thema, mit welchem sich heute diese Festrede beschäftigt, ist ein Thema, welches zentral unsere Schülerverbindung betrifft. Wenn wir die Flyer mit unserem Semesterprogramm durchlesen, so fällt uns folgender Satz ins Auge: »Die Schülerverbindung setzt sich zur Aufgabe, die Gemeinschaft zwischen alten und jungen Ernst-Albertinern zu fördern und die Freundschaft auch über die Schulzeit hinaus aufrechtzuerhalten. « Um dieses Freundschaftsideal soll es nun gehen. Doch, was ist eigentlich eine Freundschaft?

Die Freundschaft ist eine geselschaftliche Insti8tution, welche zwischen zwei oder mehreren Personen eine enge Beziehung definiert. Sie ist ein Ausdruck für Zuneigung und wenn man so will auch für geschwisterliche Liebe. Hier findet eine bestimmte Stufe der Hinordnung des einen zum anderen statt. Es handelt sich hierbei um einen Vorgang und ein Verhalten mit einer ganz bestimmten Qualität. Diese Qualität kann jedoch fließende Grenzen nach unten und nach oben haben – zur Kameradschaft oder zur Liebe hin.

Freundschaft ist weder ein gewolltes noch ein zufälliges Ereignis. Sie hat ihren Ursprung im Wesen des Menschen selbst. Gerade darauf beruht ihre hohe Bedeutung und das von ihr ausgehende Glück. Der Mensch ist nicht nur offen gegenüber dem anderen Menschen, sondern auch für die Welt, welche sich um ihn herum ausbreitet. Wenn diese Offenheit nicht erfüllt wird, bleibt der Mensch in seiner Einsamkeit, in welcher er mit seiner eigenen Armut leben und auskommen muss. In Freundschaft gewinnt er den Reichtum des anderen oder vieler anderer Menschen für sich. Ebenso verschenkt er sein eigenes Glück an den oder die Anderen, mit dem oder mit denen er verbunden ist.

Es stellt sich dabei die Frage, ob es eine so tiefe Beziehung nur zwischen zwei Menschen geben kann oder, wie es in einer Schülerverbindung wie der Unseren wünschenswert ist, ob es eine Freundschaft auch mit vielen Menschen geben kann. Infolge der Begrenzung des menschlichen Erkennens und Mögens erhebt sich in dieser Frage keine geringe Problematik. Wir verwenden das Wort Freundschaft vielfach in einem oberflächlichen Sinne. Dafür gibt es einige Beispiele. Den Geschäftsfreund etwa, zu dem eine seelische Verbundenheit selten vorhanden ist, oder den Parteifreund, der nicht selten ein Parteifeind ist. Der Wander-, Sports- und Schulfreund komplettieren diese Art von Beziehungen. Das Problem jedoch ist, je mehr Freundschaften dieser Art bestehen, um so weniger kann sich die Freundschaft im eigentlichen bzw. im strengen Sinn entfalten. Sie bezieht sich in den genannten und ähnlichen Fällen auf ein bestimmtes gemeinsames Tun, aber nicht auf den Menschen in seiner Person. Die wahre Freundschaft greift tiefer und berührt das Innere des Menschen und nicht nur sein Interesse. Wenngliech kann natürlich aus dem Interese im Glücksfal auch die echte, nach innen greifende Freundschaft entstehen. Aber was ist nun eigentlich eine echte, nach innen greifende Freundschaft?

Der Philosoph Thomas von Aquin meint, Freundschaft beinhalte, dass die Freunde das Gleiche wollen und das Gleiche denken. Mit dieser doch sehr unpräzisen und vagen Erklärung der Freundschaft dürfen wir uns aber nicht zufrieden geben. Ohne jeden Zweifel beinhaltet die echte Freundschaft eine enge persönliche Verbundenheit zwischen zwei oder mehreren Menschen. Diese Verbundenheit übt naturgemäß einen Einfluss auf das menschliche Handeln und Denken aus. Damit es aber soweit kommt, müssen die Freunde erst einmal miteinander kommunizieren können. Dieses Reden auf gleicher Ebene stellt die wichtigste Klammer in einer Freundschaft dar. Die Freundschaft in sich schließt also die Selbstmitteilung des einen an den anderen mit ein. Sie haben voreinander keine Geheimnisse. Freundschaft schließt also auch eine gewisse, wenn auch keine volle Intimität in sich ein. Dies führt dazu, dass ein Freund von den Schwierigkeiten und Nöten, von den etwaigen Verzweiflungen und auch von der Freude des anderen weiß. Freundschaft versteht sich delhalb als das Teilen seines eigenen Glücks und Unglücks mit jemand anderem. Doch dieser Idealfal lässt sich nur dann realisieren, wenn die zahlreichen entgegenstehenden Verhaltensweisen überwunden werden. Solche sind etwa Neid, mIssgunst, Eifersucht, Schadenfreude, Ignoranz und Schubladendenken. Wer solch ein Verhalten in sich trägt, kann nicht der Freund dessen sein, dem er diese negativen Haltungen oder Handlungen entgegenbringt. Schlimmer wiegen in einer Frundschaft Lügen, Intrigen, Unwahrheiten oder das Gefühl schlechter behandelt zu werden. Sie sind der Tod einer jeden Verbindung.

Man kann hier gut sehen, dass infolge der moralischen Anfälligkeit des Menschen unter solchen Aspekten die Feundschaft eine große Herausforderung ist. Wir müssen deshalb zur Einsicht kommen, dass der echte Freund dem anderen in seinen geistigen, seelischen und materiellen Nöten beisteht, soweit ihm dies möglich ist, dass er ihn in seiner Verzweiflung tröstet, in seinen Anfechtungen ermutigt, ihm in seiner seelischen Einsamkeit zur Seite steht. Die Freundschaft hat eine helfende, eine bewahrende, eine befreiende, eine sichernde und aufrichtende Kraft. So ist es verständlich, dass selbst in der Bibel die Freundschaft oder vielmehr der Freund, soweit er echt ist, gepriesen wird als ein besonderes Geschenk.

Nun stellt sich aber sogleich eine andere Frage. Die Freundschaft kann wie jede Beziehung mit jemand anderen zur Last werden. Dies geschieht überall dort, wo sich die Freunde in ihrem Freiraum einschränken. Es gehört kein geringes Fingerspitzengefühl dazu zu spüren, wann die Freundschaft und die in ihr begründete Hilfsbereitschaft oder der aus ihr4 hervorgehende Trost zur Zudringlichkeit und zur Belästigung entarten. Oder wenn ein Freund sich gedemütigt fühlt, weil er dem Freunde nicht mit gleichen äußeren oder inneren Gaben antwortenkann, di e er von ihm selbst empfängt. Die gefährlichste Bedrohung der Freundschaft stellt es dar, wenn einer der Freunde zum Bewusstsein bringen will, wie sehr dieser ihm zu Dank verpflichtet ist. Daran sind schon viele Freundschaften zerbrochen. Die Freundschaft soll sich selbst realisieren, ohne die ihr gebührende Antwort zu erwarten oder gar zu fordern. Andererseits heißt dies: Ein Freund gibt alles und fordert nichts.

Solche Erfahrungen zeigen, dass die Freundschaft eine moralische Verpflichtung in sich trägt. Doch diese Verpflichtung steht nicht allein. In einer freundschaftlichen Verbindung müssen die beiden bzw. die vielen Partner das Gegenüber als gleichwertig betrachten. Ihn zu dominieren oder im schlimmsten Fall diskriminieren, ist eine schlechte Grundlage für eine Freundschaft. Es ist deshalb wichtig, die Meinung des anderen zu akzeptieren und gegebenenfalls darüber zu diskutieren. Eine vorgegebene Meinung oder ein vorgefertigtes Bild gegenüber einem Menschen widerspricht einer Freundschaft, die von der Offenheit zueinander lebt. Dies ist die Aufgabe eines jeden Mitglieds der Ernesto-Albertina, vom jüngsten Fux angefangen bis zum ältesten Alten Herrn, solchen Tendenzen entgegen zu stehen. Damit ist gefordert, dass zwischen Freunden eine gewisse Kompromiss- bzw. Opferbereitschaft vorhanden ist. Einzelinteressen und Egoismen haben zurück zu stehen.

Ohne Kompromiss- und Opferbereitschaft jedoch ist auch eine aus tiefem Herzen aufsteigende Feundschaft nicht möglich. Sie kann nicht leben ohne das Gefühl der Verbundenheit. Wo sie sich aber auf eine solche beschränkt, wird sie an Auszehrung sterben. Wenn wir uns als Schülerverbindung Ernesto-Albertina die Freundschaft als Ideal unseres Bundes gewählt haben, so dürfen wir die Freundschaft an sich untereinander nicht vernachlässigen oder sie gar als unwichtig erachten. Sonst wird dieses Prinzip zur Illusion. Die unerlässliche Opferbereitschaft hat dabei viele Formen. Eine besteht darin, dass auch der »Alte Herr« in einer Verbindung dem jungen Fuchs als Freund begegnet und nicht als älterer Lehrmeister, dass auf der anderen Seite auch der junge Bundesbruder dem älteren oder alten als einem Freund und nicht als einem abgeschriebenen Greis begegnet. Oder diese Opferbereitschaft zeigt sich, wie wir in den letzten Wochen gesehen haben, darin, dass ein Bundesbruder von uns Hilfe benötigt, damit seine am Rollstuhl gefesselte Mutter ein unter diesen Umständen schönes Leben führen kann. Die Bundesbrüderlichkeit durchzieht die ganze Verbindung sowohl in der vertikalen als auch in der horizontalen Richtung. Es kann nicht verschwiegen werden, dass ein solches Verständnis der Freundschaft nie in vollem Maße gelingen kann. Unser stellvertretender Altherrenvorsitzender Peter Schrickel bringt dies mit dem Satz: »Man muss nicht mit Jedem in einem Bund befreundet sein« genau auf den Punkt. Dennoch sollte es unser Ziel sein, dem Idealfall so nahe wie möglich zu kommen, diesen zu erhalten und zu pflegen. Ich glaube, dass dies uns bisher nicht in vollem Umfang gelungen ist. Es ist aber möglich, uns in diesem Bereich noch zu verbessern und damit die Stärke unseres Bundes weiter auszubauen. Denn gerade unser tiefes Zusammengehörigkeitsgefühl unterscheidet uns in dieser Beziehung von anderen Bünden. Die Vergangenheit hat uns gezeigt, dass gerade dies das Pfund ist, mit dem wir wuchern können. Viele Bundesbrüder haben hier nach der wahren Freundschaft gesucht – und schließlich auch gefunden. Wir haben damit bewiesen, dass eine Freundschaft dieser Art nicht nur mit einem Menschen, sondern mit mehreren, wenn auch nicht mit unübersehbar vielen, möglich ist. Wichtig erscheint mir jedoch die Erkenntnis, dass die Freundschaft des Einen mit dem Anderen in einer solchen Gruppe nicht verschwindet sondern sich harmonisch in einem Freundschaftsverbund mit mehreren Menschen wiederfindet.

Wie ich nun aufzeigen konnte, ist es nicht gerade einfach, eine richtige Freundschaft zu erlangen und diese zu erhalten. Wenn man aber eine solche richtige Freundschaft gewinnen kann, dann gibt man seinem Leben einen entscheidenden Sinn. Doch diese Erkenntnis bekommt man erst, wenn der Freund nicht mehr unter uns weilt. So lange wir einem Freund nachweinen, so lange haben wir und er nicht umsonst gelebt.

 

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