TOTENEHRUNG ZUM 92. STIFTUNGSFEST

Rede anlässlich des 92. Stiftungsfestes am 21.07.2012 von

AH Mäc

Liebe Bundesbrüder,

einmal im Jahr, zum Stiftungsfest, kommen wir im Schulhof unserer alma mater zusammen und halten eine Totenehrung ab. Auch so führen uns unsere Gespräche häufig zu einem verstorbenen Bundesbruder, wir sprechen über ihn, sein Wirken im Bund und über gemeinsam Erlebtes. Doch viele, die meisten von ihnen, kennen wir nicht –  wir verbinden mit ihnen keine persönlichen Erinnerungen, wissen nicht einmal ihre Namen. Daher ist diese Veranstaltung im Rahmen unserer größten Bundesfeier besonders wichtig! Wir erinnern uns hier all derer, die das schwarz-silber-rote Band und die rote Mütze trugen, aber heute nicht mehr unter uns weilen. Unabhängig davon, ob wir noch selbst mit ihnen gefeiert haben oder ob sie Jahrzehnte vor unserer eigenen Bandaufnahme gestorben sind. Wir tun dies als bedeutenden Ausdruck des Lebensbundes, der unsere Verbindung bis über das Leben selbst hinaus prägt.

Wenn wir von einer Totenehrung sprechen, so verbinden wir mit ihr vor allem die Erinnerung an die Opfer und Gefallenen der beiden Weltkriege. Das, obwohl man eigentlich kaum von einer Erinnerung sprechen kann. Wir alle kennen Geschichten, Bilder und Berichte insbesondere aus dem Zweiten Weltkrieg. Doch eine Erinnerung an ihn kann niemand von uns haben, denn das Ende dieses weltumspannenden Konflikts liegt bereits 67 Jahre zurück. Zeitzeugen gibt es kaum mehr, und die wenigen, die noch selbst aus ihren Erinnerungen berichten können, zählen 75 Jahre oder weit mehr. Wir alle, die wir hier stehen, können uns glücklich schätzen, viel zu jung zu sein, um diese schreckliche Zeit erlebt zu haben. Auch unsere Eltern und selbst die Großeltern jedenfalls der meisten Aktiven haben keine eigenen Erinnerungen. Meine Großtante Emilie ist vor einem halben Jahr als letztes Familienmitglied, das noch selbst im Zweiten Weltkrieg kämpfen musste, im Alter von stolzen 88 Jahren verstorben.

Dennoch meinen wir für gewöhnlich die Jahre von 1939 bis 1945, wenn wir von „dem“ Krieg sprechen, ganz so, als hätte es danach keine mehr gegeben oder gäbe sie heute nicht. All das liegt für uns in weiter Ferne und wir haben den Luxus, uns hierüber keine Sorgen machen zu müssen. Das Schlimmste, was uns derzeit zu bedrohen scheint, sind die Folgen einer möglichen Wirtschaftskrise – um  unser Leben oder das unserer Angehörigen müssen wir dabei nicht fürchten. Viel zu leicht ist es, die Konflikte unserer zivilisierten Welt aus den Augen zu verlieren, solange wir selbst nicht von ihnen betroffen sind.

Seit dem Zweiten Weltkrieg wurden über 100 Kriege und hunderte bewaffnete Konflikte geführt, mehr als 30 von ihnen finden gerade in diesem Moment in der Welt statt. Von einigen haben wir in der Schule oder in den Nachrichten gehört oder Filme über sie gesehen. Über die Kriege in Vietnam, Afghanistan, dem Irak oder Libyen wissen wir alle wenigstens ein paar Worte zu berichten. Doch zahlreiche andere sind in unserer Wahrnehmung noch nicht einmal eine Randnotiz. Wer von uns hat je vom Georgisch-Ossetischen Konflikt, dem Kargil-Krieg oder dem Transnistrien-Konflikt zwischen der Republik Moldau und Tiraspol gehört? Wer von uns ist sich darüber im Klaren, dass in Indien Kämpfe zwischen der Regierung und einer maoistischen Gruppe namens Naxaliten geführt werden, die seit einem Bauernaufstand in den späten 1960er Jahren immer wieder entbrennen? Insgesamt sind in diesen Kriegen nach 1945 mindestens 25 Millionen Menschen getötet worden. Eine Zahl, die in etwa der Bevölkerung von Finnland, Norwegen, Dänemark und Schweden zusammen entspricht!
Die Zeit, in der wir leben, ist also bei Weitem nicht so friedlich, wie sie uns im Alltag erscheinen mag.

Das alles scheint für uns auf den ersten Blick sehr weit entfernt. Aber auch für die Bundesrepublik Deutschland sind Kriege ein ständiger Begleiter. Seit 1960 hat sich die Bundeswehr an insgesamt etwa 150 Auslandseinsätzen beteiligt, derzeit sind über 6.000 Soldaten in zwölf Operationen eingesetzt. Seit einem Jahr debattiert der UN-Sicherheitsrat darüber, ob im Bürgerkrieg in Syrien eingeschritten werden soll. Jüngst wäre ihm diese Entscheidung beinahe abgenommen worden: der Abschuss eines Flugzeugs unseres NATO-Partners Türkei hätte leicht zum Verteidigungsfall und möglicherweise zur Verlegung weiterer deutscher Truppen in den Nahen Osten führen können.

Meist handelt es sich bei den Aufgaben der Bundeswehr zwar um humanitäre Missionen, um Beobachtungen oder Transporte von Hilfsgütern. Doch leider gibt es naturgemäß in jedem Krieg Verluste, und so sind in diesen Auslandseinsätzen bislang auch 101 deutsche Soldaten ums Leben gekommen, die Hälfte von ihnen in Afghanistan. Hinzu kommt eine mir unbekannte Zahl ziviler Opfer, hier sei beispielhaft an die beiden Entwicklungshelfer erinnert, die im vergangenen September in Afghanistan ermordet wurden. Einer von ihnen war Mitglied der Akademischen Landsmannschaft Württembergia Hohenheim im Coburger Convent – so nah kann uns der Krieg auch heute noch kommen!

Wir Ernst-Albertiner haben das große Glück, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs keinen Bundesbruder mehr an den Krieg verloren zu haben. Aber das nimmt unserem jährlichen Totengedenken selbstverständlich nicht die Daseinsberechtigung! Denn für uns kann es nicht ausschlaggebend sein, unter welchen Umständen einer der Unseren gestorben ist. Als Bundesbrüder gedenken wir in gleichem Maße derer, die durch Krankheit, einen Unfall oder hohes Alter aus dem Leben gegangen sind. Jeder einzelne von ihnen hat unseren Bund geprägt und mit Leben gefüllt. Sie alle haben es uns durch ihr Leben und Wirken ermöglicht, heute das 92. Stiftungsfest unserer lieben Schülerverbindung Ernesto-Albertina zu feiern. Hierfür schulden wir ihnen unseren Dank! Genau aus diesem Grunde soll die Totenehrung auch in Zukunft ein fester Bestandteil unseres Bundeslebens sein, ist doch das ehrende Andenken an unsere Verstorbenen der Inbegriff des Lebensbundes.

 

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