DER FALSCHE VEIT

Festrede anlässlich des 92. Stiftungsfestes am 21.07.2012 von

AH Barbarossa

Hohes Präsidium, werte Festcorona,

vor einigen Wochen war im Feuilleton einer Coburger Zeitung ein Artikel zu finden, der sich mit einem unserer beliebtesten Kneiplieder beschäftigte, dem Frankenlied. Der Autor des Artikels, Farbenbruder Helge Kienel (SV! Casimiriana), umschrieb diese Veröffentlichung mit dem Titel „Der falsche Veit“. Auch ich will meiner Festrede diesen Titel geben.

Es geht dabei um die Analyse des Liedes der Franken, welches 1859 von dem Karlsruher Schriftsteller und Dichter Joseph Victor von Scheffel verfasst wurde. Die Tatsache, dass von Scheffel als Verbindungsstudent in mehreren Burschenschaften aktiv gewese war, wird bei der genauen Untersuchung des Textes noch eine Rolle spielen. Zunächst aber zur Entstehungsgeschichte.

Scheffel schrieb diesen Text während eines Sommerurlaubs im ehemaligen Benediktiner-Kloster Banz Ende der 1850er Jahre. Ursprünglich handelte es sich dabei um ein Gedicht, das den Namen „Wanderlied“ trug. Erst 1861 vertonte der Würzburger Komponist Valentin Eduard Becker das Gedicht Scheffels und schuf so die heutige inoffizielle Nationalhymne der Franken. Scheffel indes schrieb in seinem Gedicht seine Eindrücke nieder, welcher er in diesem Sommer erlebt hatte. Dabei reiste er durch sämtliche fränkische Regionen. Lediglich um Coburg machte der Dichter einen großen Bogen. Für ihn waren die Coburger keine Franken, sondern Thüringer, wenn nicht gar Sachsen, die mit Franken überhaupt nichts zu tun hatten.

Die Eindrücke finden sich auch gleich in der ersten Strophe des Frankenliedes wieder. Hauptfigur ist hier ein Wanderer. Er rühmt Luft und Wetter und fordert den Leser auf, selbst die fränkische Landschaft zu erwandern, welche doch so wunderschön ist. Interessant hierbei ist, dass der Wanderer sich das Ordenskleid der fahrenden Scholaren anlegen will. Erklären wir kurz den Begriff „Scholar“:  dieser stammt von dem lateinischen „scola“ für Schule und bezeichnete im Mittelalter einen fahrenden Studenten oder akademisch gebildeten Kleriker ohne Amt und Anstellung. In der Literatur wurden Scholaren als Inbegriff des leichtlebigen Verführers dargestellt. Ein weiterer Begriff hierfür wäre der Bettelstudent. Man könnte in ihm auch einen mittelalterlichen Vorfahren unserer heutigen Verbindungsstudenten sehen. Schon diese Querverbindung lässt uns aufhorchen und wird ebenfalls noch eine Rolle spielen.

Zunächst kommen wir zur zweiten Strophe. Sie ist vor allem Unterfranken gewidmet. Erwähnt werden die Wälder der Haßberge, des Spessarts und des Steigerwaldes, der Main und die Weinanbaugegend um Würzburg und Volkach. Hier unterlief Scheffel jedoch ein Fehler. Denn er schrieb „der Winzer Schutzherr Kilian beschert uns etwas Feines“. Tatsächlich ist der Heilige Urban der Schutzpatron der Winzer. Kilian indes führte im 7. Jahrhundert die Franken zum Christentum und gilt als deren Schutzpatron mit Beinamen „der Frankenapostel“. Es muss also korrekterweise heißen: „Der Winzer Schutzherr Urban beschert uns etwas Feines“. Auffällig zudem ist die besondere Betonung der Strophe auf den Weinanbau, genauer gesagt der Bezug auf die Herstellung eines commentgemäßen Stoffes. Diese Tatsache gewinnt in der dritten Strophe an Bedeutung.

Hier fixiert sich der Dichter geographisch auf das Obere Maintal. Die erwähnten Wallfahrer sind Pilger, die Scheffel auf dem Weg zur Basilika Vierzehnheiligen gesehen hat. Die Erwähnung des Gottesgartens als Synonym für dieses Gebiet belegt diese Annahme. Unser Wanderer will nun selbst an der Pilgerfahrt teilnehmen, doch der Pfarrer weist ihn ab, und so muss er als „reudig‘ Schäflein“ seitwärts durch den Wald traben.

Ziehen wir ein erstes Fazit: unser Wanderer ist allem Anschein nach ein verruchter Student, der dem Weingenuss sehr zugetan ist und aus diesem Grunde für einen Pfarrer einen unverbesserlichen Sünder darstellt.

Letzte Gewissheit gibt uns ein verschlüsselter Hinweis in der vierten Strophe, nämlich der Heilige Veit von Staffelstein. Lösen wir dieses Rätsel nun auf. Wörtlich heißt es: „Zum Heil’gen Veit von Staffelstein bin ich emporgestiegen“. Gemeint ist eindeutig der Staffelberg. Warum aber Scheffel hier den weiter südlich gelegenen Veitsberg bei Ebensfeld erwähnt, macht keinen Sinn. Auch ein Bezug zu dem Einsiedler, der zu Scheffels Zeiten auf dem Staffelberg in einer Klause lebte und die Kapelle auf dem Bergplateau betreute, führt ins Leere. Denn dieser Einsiedler hieß nicht Veit, sondern Ivo Hennemann, und beträute 40 Jahre, von 1857 bis 1897, die Staffelbergklause. Des Rätsels Lösung ist in der Heiligenverehrung der katholischen Kirche zu finden. Denn dort ist der Heilige Veit der Schutzpatron der Wirte und Bierbrauer. Genau das macht auch einen Sinn, wenn man sich die letzten beiden Strophen anschaut. Nachdem unser Wanderer den Staffelberg erklommen hat, dürstet es ihm gewaltig. Doch er hat Pech: der Einsiedler ist nicht zu Hause. Er ist bei der Feldarbeit und vergnügt sich dort mit einer schönen Erntehelferin, früher Schnitterin genannt. Doch der Wanderer hat nur einen Gedanken: Trinken! Aus diesem Grunde begeht er in der letzten Strophe die Straftat des Hausfriedensbruchs und leer alles, was ihm zwischen die Hände kommt. Der Verdacht drängt sich nun auf, dass es sich bei diesem Wanderer um einen Verbindungsstudenten gehandelt haben muss. Die Erwähnung des Scholaren, die Betonung des Weines, die Abweisung durch den Pfarrer und das darauffolgende Frusttrinken auf dem Staffelberg mit dem Hinweis auf den Heiligen Veit sind starke Indizien für diese These. Dazu kommt Scheffels Vergangenheit als Verbindungsstudent. Der Dichter bedient sich hiermit einem Klischee, welches schon damals, aber auch noch in der Gegenwart über das Verbindungswesen im Allgemeinen vorherrscht.

Scheffel wäre aber kein guter Korporierter, wenn er den Kritikern nicht selbst den Spiegel vors Gesicht halten würde. Dies geschieht mittels der Institution Kirche. Erbost über das Verhalten des Studenten lehnt der Pfarrer seine Aufnahme in die Wallfahrtsgruppe ab. Zwei Strophen weiter begegnet uns der bereits erwähnte Pater Ivo Hennemann, welcher sich gerade trotz Zölibat und Einsiedlerleben mit einer schönen Feldarbeiterin vergnügt. Über so viel Doppelmoral dichtet Scheffel selbst: „Einsiedel, das war missgetan, dass du dich hubst von hinnen“. So liegt uns mit dem Text des Frankenliedes im ursprünglichen Sinne ein Wandergedicht vor, aus welchem sich ein Studentenlied mit gesellschaftskritischen Aspekten entwickelte. Das ausgerechnet dieser Cantus dann zur Hymne der Franken avancierte, liegt auf der Hand. Die Beschreibung der fränkischen Landschaft in ihren schönsten Facetten trug wesentlich zu dieser Erhöhung des Liedes bei. Ob heutige Aktivengenerationen, nachdem sie eines Platzes verwiesen wurden, auf den Staffelberg wandern und ihren Frust ergießen, wage ich allerdings zu bezweifeln, besonders da schwarz-silber-rote Aktive wohl eher den Adamiberg erklimmen. Die Brauereien am Fuße dieses Berges sind heute leichter zu erreichen, als das über 500 Meter hohe Felsmassiv!

 

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