HELFEN OHNE ZU FORDERN - EIN STABILES FUNDAMENT

Festrede anlässlich des 93. Stiftungsfestes am 22.06.2013 von

AH Frech

 

Mensch, der Paul, der tolle Paul!

Immer vorne, niemals faul.

Was setzt der sich für andre ein

und reißt sich aus ja fast ein Bein.

Auf Titelblättern hoch gelobt,

im Ruhm erheischen fest erprobt.

– Der tolle Paul.

 

Ein Mücklein da am Fenster wippt,

ach, wär‘ das Trugbild doch gekippt!

Vor Panik schon zum Sterben krank. –

 

Tim öffnet ihm das Fenster sacht,

es tanzt hinaus in klare Nacht

und summt für Tim in leisem Dank.

– Dem stillen Tim.

 

 

„Papa, Papa, kommst du mal bitte?“, ruft mich meine kleine Lieke. „Papa, du musst mich mal helfen! Wir müssen schnell einen Turm bauen und der Turm fällt ständig um. Papa, ich brauche ein stabiles Fundament.“

 

Na, eigentlich habe ich gerade keine Zeit für solche Späße. Eben wollte ich mich doch hinsetzen und mir eine Doku ansehen. „Papa, Papa, kommst du, du musst mich mal helfen!“ Eigentlich habe ich keine Lust dazu. Eigentlich bin ich jetzt müde und kaputt und will mich ausruhen.

 

Aber genau das ist es, das Eigentlich. – Eigentlich kann ich diese Doku später ansehen und eigentlich ist das jetzt überhaupt nicht wichtig.

 

Alles, was in diesem Augenblick zählen sollte, ist dieser kleine Mensch, der meine Hilfe braucht. Meine Hilfe: Jetzt. Denn genau jetzt kommt die kleine Lieke alleine nicht weiter. Ja, sie kann was. Aber lange nicht alles. Es muss Papa her, der kann es doch. Der kann das stabile Fundament.

„Papa, Papa, kommst du, du musst mich mal helfen!“

 

Vermutlich sind einem Jeden solche oder ähnliche Momente vertraut. Momente, in denen wir um Rat, Hilfe und Unterstützung ersucht werden. Das Beispiel meiner kleinen Tochter illustriert in seiner kindlichen Klarheit mustergültig, warum ein Mensch Hilfe in Anspruch nehmen muss oder möchte und warum ein anderer zur Hilfe kommt oder eben nicht.

 

Für die kleine Lieke besteht eine Mangelsituation, aus welcher sie sich nicht mit eigenen Fähigkeiten heraushelfen kann. Prinzipiell kann sie das Türmebauen ganz gut, doch die entscheidende Fertigkeit fehlt. Das Wissen um ein stabiles Fundament, welches ihren Turm hält. Nun kann ihr aber der Papa helfen, da er ja das Wissen um die technische Raffinesse eines stabilen Lego-Baustein-Fundamentes hat. Er kann durch seine Fähigkeit ihren Mangel ausgleichen. Beide geraten somit im Augenblick der Mangelsituation und des Scheiterns in eine wechselseitige Beziehung zueinander. In diese muss der Papa etwas einbringen: seine Zeit und den Verzicht auf eigene Interessen.

 

Wohl kaum einer von uns würde einem hübschen jungen Mädchen die Hilfe verwehren, welches sich am Heck ihrer A-Klasse mit schweren Säcken voll Blumenerde des Abends auf dem OBI-Parkplatz abmüht. Plötzlich sind Überlegungen, den Anpfiff einer Fußballübertragung zu verpassen, mitunter ganz weit weg.

 

Ja, genau. Weil wir etwas davon haben könnten. Und wenn es nur das schüchterne Lächeln und ein zaghaft-verhaltenes „Danke“ ist, was wir entgegengehaucht bekämen. Es hätte sich gelohnt zu helfen. Doch wäre das noch ein Helfen oder nicht gar schon ein kleiner Handel, eben das Erwarten einer Gegenleistung für die geleistete Unterstützung?

 

Schauen wir auf Paul, den tollen Paul. Immer vorne, niemals faul. Was setzt der sich für andre ein und reißt sich aus ja fast ein Bein. Auf Titelblättern hoch gelobt, im Ruhm erheischen fest erprobt. – Der tolle Paul. Pauls Handeln liegt ein klares Kalkül zu Grunde. Natürlich hilft Paul gerne und viel, doch erwartet er hierfür insgeheim immer eine Gegenleistung. Diese Hilfestellungen können im Falle Pauls beispielsweise soziales Engagement, wie das Sammeln von Spenden für wohltätige Zwecke sein oder ganz einfach das öffentliche Sichstark-Machen für eine Meinung oder eine gute Sache.

 

Doch handelt unser Paul eben nicht ohne Eigennützigkeit, sondern zielt in seinem Handeln genau auf diesen eigenen Nutzen ab. Unser Paul erwartet nicht viel, also keine finanzielle oder materielle Entschädigung. Nein, ihm genügt es, in einen gewissen sozialen oder medialen Mittelpunkt gerückt zu werden. Das ist sein Lohn und der dieses System ausgleichende Dank für seine Aufopferungen.

 

Hier wird schnell klarer, wie nahe doch das Helfen mit der Gegenhilfe verknüpft ist, wie schnell eine Aktion eine Reaktion in einem solchen Gefüge bedingt, wie Systeme dann miteinander reagieren und dieses Verhältnis von Hilfe und Gegenhilfe in ein Geschäft wandeln können. Na fein, und was bekommt der helfende Papa zurück? Er investiert Zeit, um der Kleinen das Fundament ihres Turmes zu legen, erklärt die Abläufe ein, zwei oder sechs Mal und gleicht so den Wissens- und Fähigkeitsmangel aus. Jedoch unterstützt er seine Tochter so in ihrer Entwicklung und gibt im mehrmaligen Erklären Hilfe zur Selbsthilfe, mit welcher sie schon bald die Aufgabe selbst und ohne fremde Unterstützung meistern wird. In diesem Fall lässt also der Helfer seine Hilfe in ein Mangelsystem einfließen, ohne daraus einen direkten Nutzen zu ziehen oder eine Gegenleistung zu erhalten.

 

Pauls und das Helfen des Papas stehen nun beispielhaft für die verschiedenen Ausprägungen von Hilfe und für die kontrastreiche Trennung, in welchem sich das Helfen vom Be-Helfen, vom Hilfreichsein, unterscheidet.

 

Nennen wir Paul doch einmal kurz Jan-Josef. Der Jan-Josef reist nach Syrien, um sich vor Ort ein Bild der Lage zu verschaffen. In Syrien sterben täglich hunderte Menschen, was der breiten Weltöffentlichkeit in seinen Augen zu einem Einschreiten nicht dringlich genug erscheint. Seinen Einsatz in dieser Sache werfen die Medien Jan-Josef vor. Konkret, der bekannte Schauspieler nutze diese Krise und seinen Einsatz für ein politisches und humanitäres Einschreiten – für eine wohlwollende Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit. Jan-Josef entgegnet, er sei an einem Punkt seiner Karriere angelangt, an welchem er diese Art der Selbstinszenierung nicht mehr brauche und lediglich durch seine Popularität ein Brennglas für das Schicksal des syrischen Volkes sein wolle. Das ist nachvollziehbar, aber dennoch schwierig einzustufen. Warum wissen wir also schon vor dessen Reise nach Syrien von seinem Vorhaben? Warum sind die Medien – wie immer bei diesen vermeintlich „selbstlosen“ Engagements berühmter Zeitgenossen – bestens informiert? Oder, wie im Falledes Syrien-Besuchs, gleich als BILD-Reporter mit im Reiseteam?

 

Man stelle sich vor, der Schauspieler Jan-Josef verdecke sein bekanntes Äußeres so, dass man ihn nicht auf den ersten Blick erkenne, führe nach Mecklenburg und hülfe dort, Sandsäcke am Damm zu füllen. Nur für den unmittelbar Nächsten erkennbar und ohne dokumentierendes Reporterteam an seiner Seite. Wie würden wir, – als eben jener unmittelbar Nächste, – ihn nun beurteilen? Als Jan-Josef oder immer noch als einen Paul? Da wird deutlich, wie schwierig und ambivalent es mit der Hilfsbereitschaft und dem Helfen werden kann.

 

Allein die verbale Mannigfaltigkeit, in welcher das Wort auftritt, demonstriert die Vielschichtigkeit von Hilfe und die potentiellen persönlichen Präferenzen in Hilfe einzutreten. Begrifflichkeiten wie vorsorgliche Hilfe, nachsorgende Hilfe, Hilfe zur Selbsthilfe (wie Entwicklungshilfe), Soforthilfe oder humanitäre Hilfe eröffnen das weite Feld der Interaktion, in welches sich der Helfer begeben kann.

 

Es würde zu weit führen, hier in alle Bereiche einzusteigen und deren Potential von „Eigennutz“ auf der einen bis hin zu „Selbstaufgabe“ auf der anderen Seite abzuklopfen. Darum soll es hier auch nicht gehen. Vielmehr möchte ich mich der „ideellen“ Hilfe widmen – der Bereitschaft, uneigennützig und unverfälscht Hilfe zu leisten.

 

Ja, der stille Tim. Was bleibt ihm von der Rettungsaktion des kleinen Mückleins an seinem Kammerfenster? Vermeintlich erst einmal wenig. Das Tierchen fliegt davon und summt in leisem Dank. Aber Tim, der Tim, ja der ist erfüllt von Freude darüber, dass er helfen konnte. Auch wenn er neben dem gesummten Dank, welcher wohl doch eher Poesie und Einbildung geschuldet ist, wenig behält. Doch Tim hat im eigentlichen Sinne geholfen – um zu helfen. Er konnte sich empathisch in die Kreatur und ihre Notsituation hineinfühlen und entschied sich für das sehr kleine, aber doch so entscheidende: Das selbstlose Handeln. Aus diesem Für-Jemanden-Da-Sein erwächst die Freude am Helfen und hierin liegt Tims ideelle Wertschöpfung.

 

An dieser Stelle beantwortet sich nun auch die Frage nach der Selbstverständlichkeit, in welcher eine Mutter oder ein Vater dem eigenen Kind allzeit zur Seite steht. Es ist natürlich die Freude daran, dem kleinen Menschen ins Leben zu helfen und dafür Sorge zu tragen, dass er vorankommt, sich entwickelt und Fortschritte macht. Der Dank ist dann das Vertrauen des Kindes den Eltern gegenüber, sich auf diese verlassen zu können und sie als helfenden Partner zu wissen. Das wird ein sehr leiser und dennoch hoch erfüllender Dank sein und es bedarf kaum einer Überlegung oder Abwägung, ob man da nun hilft oder nicht.

 

Ein weiteres kleines Beispiel kann die Systematik dieses so speziellen Helferideals weiter exponieren. Wir alle kennen das. Wir fahren auf einer Autobahn. Vor uns führt ein Beschleunigungsstreifen zuströmende Fahrzeuge auf diesen im Moment sehr frequentierten und hektischen Verkehrsweg. Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie unangenehm das Auffahren auf eine solche Straße sein kann. Welche Gefahr und welche Ungewissheit es für den Auffahrenden bedeutet. „Lassen die mich rein? Sehen die mich? Werden sie Rücksicht auf mich nehmen?“ Genau in dieser Rücksicht liegt der Schlüssel zum ideell-helfenden Handeln. Wir wollen auch schnell an unser Ziel, zum Beispiel an unseren Arbeitsplatz.

 

Nun aber eröffnet sich die Gelegenheit zuzumachen, den anderen in seiner Mangelsituation zu ignorieren – oder sich dafür zu entscheiden, diese gebotene Rücksicht zu nehmen, oder besser gesagt, sich selbst in seinem eigenen Interesse zurückzunehmen, um helfend zu agieren.

 

Wir gehen kurz vom Gas, lassen ihn rein und helfen ihm, sich in relativer Sicherheit einzureihen. Wir kennen uns gegenseitig nicht, wissen nichts vom Charakter und Lebenswandel desjenigen, für den wir uns einen Bruchteil lang einsetzen, und handeln doch aus Empathie und im Verständnis seiner Situation – für ihn. Der Aufgefahrene blinkt kurz rechts und links und bedankt sich.

 

Vermutlich ist vielen in diesem sich millionenfach wiederholenden Ereignis kaum bewusst, welchen Einfluss man tatsächlich im Moment der Rücksichtnahme auf das Verkehrssystem ausübt. Durch das Sich-Zurücknehmen und das umsichtige Reagieren stärken und sichern wir das System, in welchem wir uns befinden. Freilich, die Hilfe ist angeordnete Pflicht, doch sind wir uns ja aus eigener Erfahrung wohl darüber bewusst, dass wir das Einhalten dieser Hilfspflicht bei Weitem nicht immer voraussetzen können.

 

Jedoch, und das ist entscheidend, geben wir durch unser rücksichtsvolles Handeln einen Impuls in das System, der auf Dauer und in der Summe derer, die diese Impulse potentiell immer wieder abgeben, prägend für das System sein kann. Die anonyme, helfende Rücksichtnahme speist hier die sichernde Koexistenz. Und so kann man jedes vernetzte System auch als sich gegenseitig helfende Instanzen sehen, die das Fortbestehen des Ganzen garantieren.

 

Sicher ist – in diesen Wochen leicht nachvollziehbar – das Schicksal der Flutopfer, welche landauf, landab in Not geraten sind und vielleicht sogar alles verloren haben, eines, das jede Hoffnung und Zuversicht rauben kann. Und doch ist es die anonyme Hilfe der Vielen, die wieder Vertrauen und Hoffnung aufkeimen lässt. In diesem Zusammenhalt kennt der Helfende den hilfsbedürftigen in den allermeisten Fällen nicht und ist dennoch bereit, sich ohne eine zu erwartende Gegenleistung körperlich, finanziell oder durch materielle Hilfe einzubringen. Aus dem ethisch-moralischen Prinzip der Hilfsbereitschaft und des Eintretens für den Anderen – den Nächsten. Helfen kann also auch hier Vertrauen schaffen.

 

In unserer Verbindung schreiben wir uns wohl gewählt Freundschaft, Brüderlichkeit, das Eintreten für den Anderen und den – all das umklammernden – Zusammenhalt aufs Panier. Wir alle haben uns an jenem Tagmit einem Schwur auf diese Prinzipien in das System des Zusammenhalts und des Miteinander-Verbunden-Seins hineingegeben.

 

Wie also ist das mit dem, was uns miteinander verbindet? Ein jeder dieses bundesbrüderlichen Gefüges ordnet sich mit all seinen Schwächen und Stärken in unseren Verbund ein. Wie gut, dass eben auch jeder seine Stärken mitbringt, sie verfeinert, ausbildet und in dieser Ausbildung zu einem mündigen Bundesbruder und Mitmenschen gedeiht. Denn allein diese Vielzahl an gebündelten Stärken vermag es doch, all die individuellen Schwächen auszugleichen.

 

Also nutzen wir doch diesen reichen Schatz an gebotener Stärke und möglicher Hilfe und lassen wir uns doch immer wachsam sein für die Schwächen, Fehler und Hilfsgesuche des Anderen; des Bundes-Bruders.

 

Das kann ganz einfach der Fux sein, der hinter dem Spültisch an einem Abend wie diesem überfordert ist und zwei Hände mehr gebrauchen kann. Das kann der Bursche sein, welcher in den Naturwissenschaften strauchelt, Nachhilfe braucht, um bestehen zu können. Das kann der Elternteil eines Bundesbruders sein, der an den Rollstuhl gebunden eines barrierefreien Aufgangs zu seinem Haus bedarf. Es kann auch ein junger Alter Herr sein, der auf seinem Weg ins Berufsleben noch ohne Orientierung ist, welchem wir dann mit einem guten Rat oder aber auch durch unsere Beziehungen in den beruflichen Werdegang helfen.

 

Klar, das ist es doch, was uns die Neider vorwerfen und wofür wir uns mit dem so edlen Wort „Seilschaft“ beschimpfen lassen müssen. Mag sich ein jeder von uns über die Bedeutung des Wortes – Seilschaft – im Klaren sein. Da stehen im hellen Lichte dieses Bildes Freunde – Männer, – durch ein festes Seil miteinander verbunden – an einer steilen Wand und helfen sich durch Achtsamkeit und Fürsorge, in Wetter und Nacht den steilen Grad hinauf zum Gipfel – und wieder hinab. Wohl dem!, der in einer solchen Kette steht!

 

Übrigens: Es kann auch der kleine Bratwurstverkäufer am Marktfest sein, der uns nach stundenlanger Maloche in der stickigen Bratwurstbude um eine Zigarette bittet, während wir im lauschigen Schatten eines Sonnenschirmes beim Bier sitzen.

 

Der springende Punkt ist also das Wachsein für die Bedürfnisse des Nächsten. Nach innen – und nach außen. Es geht um ideelle Hilfe unserem Nächsten, dem Bundesbruder und Freund gegenüber und es geht darum, hierfür nichts einzufordern und zu verlangen.

 

Der ideelle Ausgleich gedeiht in unserem starken, brüderlich-familiären Geflecht von ganz alleine und ohne jeglichen Applaus. Aus allem, was ich meinem Freund und Bruder Gutes tue, erwächst mir wieder Freundschaft und das feste Vertrauen darauf, dass er im entscheidenden Moment meiner Schwäche – und sei es erst zum letzten Tag – wieder für mich da sein wird.

 

Stützen wir uns also selbstlos!

Helfen wir uns ohne zu fordern

– und knüpfen wir für unsere Gemeinschaft stetig den wahren,

unsere Brust umschlingenden

und uns fest verbindenden Dank: Unser schwarz-silber-rotes Band!

 

Auf ein Wachsen, Blühen und Gedeihen unseres Bundes – in diesem Sinne.

Gott schütze unsere Farben.  

 

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