TOTENEHRUNG ZUM 94. STIFTUNGSFEST

Festrede anlässlich des 94. Stiftungsfestes am 19.07.2014 von

AH Barbarossa

 

Liebe Bundesbrüder,

wieder haben wir uns hier im Hof unserer Alma Mater eingefunden, an dem Ort, der zu Schulzeiten nur bedingt Bedeutung für uns hatte und erst im Lauf der Zeit oder mit dem Eintritt in unseren Bund zum Gedenkstein, zum Ort des Innehaltens und der Ehrerbietung wurde. Hier, an diesem Ort möchte ich Euch in Gedanken ein Jahrhundert zurückversetzen, in eine Zeit, da das Land noch ein Kaiserreich war und der junge Kaiser Wilhelm II. über die Bürger zu wachen hatte.

Und bis ins kleinste hinein wirkte diese Vorstellung. Der Kaiser, und mit ihm alle Landesfürsten, waren Leitstern und Orientierung bis in das Private, auch in die Schulen hinein. An den Wänden in den Klassenzimmern hing neben dem Kreuz, welches stetige Mahnung zum Glauben gebot, das Bildnis des Kaisers. Ihm galt der erste und letzte Gedanke des Schultages.

 

Die Herren Professoren sorgten mit eiserner Hand für die strikte Verehrung seiner Majestät und den glühenden Wunsch in den Köpfen der Schüler, diesem zu dienen mit Wort, Tat und dem eigenen Blute.
Jeder Oberprima wurde eingebläut, auch ja nach dem Abitur sofort dem Dienst am Vaterlande zu folgen und die freiwillige Meldung zum Wehrdienste abzugeben.

Und sie taten es.


Sie leisteten ihren Wehrdienst in den Kasernen, exerzierten über die Höfe und zogen in unendlichen Paraden durch die Städte sobald sich die Gelegenheit bot. Der nahe Krieg war nicht etwa eine eventuelle Option, er lag einem jeden waffenfähigen Mann im festen Willen.

Und er kam!

Am 28. Juni 1914 fielen in Sarajevo die tödlichen Schüsse auf seine kaiserliche Hoheit Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este und seine Gemahlin Herzogin Sophie von Hohenberg. Dieser Tag zündete die Lunte am Pulverfass Europa und in den Tagen zwischen dem 28. Juli und dem 03. August, in welchen die verschiedenen Kriegserklärungen ausgesprochen wurden, explodierte es in Form eines Krieges, welchen die Militärs aller beteiligten Nationen Anfangs für einen reinen Kabinettkrieg hielten.

Die jungen Männer, deren Namen wir hier in Stein gemeißelt lesen können, folgten nun ihrer Überzeugung, dem Wort von Ruhm und Ehre, welches ihnen ihre Lehrer eingetrichtert hatten, und zogen freudig in den Krieg. Doch sie kehrten nie zurück.

Was zu Beginn als kurzer Feldzug, nicht mehr als ein Sommer im Feldlager mit etwas Säbelrasseln und Marschieren werden sollte, raffte binnen vier Jahren auf allen Seiten 9,3 Millionen Soldaten und 7,8 Millionen Zivilisten in den Tod.

Ziehen wir in der Geschichte etwas weiter.
21 Jahre nach dem Ende des ersten Weltkrieges hatten ähnliche Parolen, ähnliche Weltanschauungen der Lehrer und ähnliche Grundhaltungen der Schüler erneut eine Bevölkerung kriegswillig gemacht.
Nur zog man nicht mehr für Gott, Kaiser und Vaterland in die Schlacht, man folgte dem Ruf des Führers. Als Josef Göbbels während des Krieges die berühmte Frage stellte "Wollt ihr den totalen Krieg?", da schlug ihm das damalige Äquivalent eines Ja entgegen.

Und wieder waren es die Schüler, die Jungen, die freudig in den Krieg zogen. Und trotz der Erfahrungen des ersten Weltkrieges, nicht einmal ein viertel Jahrhundert zurückliegend, glaubten auch sie, nur kurz in den Krieg zu ziehen, zu einem Sommerlager und etwas Säbelrasseln und Marschieren.

Doch auch hier kamen sie, die doch die Hoffnung, die Zukunft waren, nicht zurück.
Und auch ihre Namen stehen in Stein gemeißelt hier zu lesen.
Doch die Opferzahlen sind ungleich größer und zeigen die Schrecknisse auf nüchtern, klare Weise: Alleine in Deutschland zählte man Insgesamt 7 Millionen Tote, was 9,5 % der Vorkriegsbevölkerung entspricht. Insgesamt starben in diesem Krieg ca. 60 Millionen Menschen. Davon 20-30 Millionen durch Luftkrieg, Massenvernichtung, Flucht, Partisanenkrieg.

Letztlich hatte der Tod sich in 31 Jahren gut 78 Millionen Leben geholt. Eine unvorstellbare Zahl, welche fast der derzeitigen Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland entspricht.

Heute nun stehen wir hier, ein Jahrhundert, nachdem das Zeitalter der Weltkriege und der Massenvernichtung begann, und gedenken derer, die uns von all diesen Millionen am nächsten stehen.
Wir tun damit das Richtige.
Wir rücken die Opfer von Fehlleitung, irrationaler Kriegslust und nationaler Indoktrination ganz nah an uns heran, indem wir uns bewusst werden lassen:
   - auch sie streiften einst durch die Gänge dieses Schulgebäudes,
   - auch sie drückten die Schulbänke in diesen Klassenzimmern,
   - auch sie rannten zur Pause in diesen Schulhof.

Wir stehen hier und gedenken ihrer in Trauer.
Sie sind gestorben in Pflichterfüllung und gutem Glauben. Ihnen wurde die Jugend und das Leben geraubt.

Wir gedenken ihrer in Ehrerbietung.
Sie gingen mutig ihren Weg, ohne Scheu und Angst vor dem kommenden Tag.

Wir gedenken ihrer in Dankbarkeit.
Sie ließen ihre jungen Leben, damit die Welt den Wahnsinn dieser Kriege erkennen kann und uns, die wir ihre Nachfahren auf diesen Schulbänken, in diesen Gängen und auf diesem Hof sind, Frieden und Freiheit geschenkt werde und das Bewusstsein, nie wieder solches Leid zuzulassen.

 

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